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A, I – Was ist Ethik?

14. November 2007
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Wir stürzen uns sogleich in die Tiefe der Sache; wir sind in Bereich A, in dem ich ein paar grundsätzliche Worte zur Ethik verlieren will, und hier im ersten Punkt.

Erst einmal eine Bemerkung zum Wort „Ethik“ selbst. Es stammt vom altgriechischen „ethos“; dieses Wort hatte in etwa den Bedeutungsumfang „Sitten, Gebräuche, Gewohnheiten“, währen „ethike“ „sittliches Verständnis“ bedeutet. Die Ethik als Zweig der Philosophie, als Beschäftigung mit „Sitten, Gebräuchen und Gewohnheiten“ im Anspruch der Vernunftmäßigkeit ist zuerst bei Aristoteles zu finden, der allerdings schon die sog. „sokratische Wende“ verarbeiten konnte; über den berühmtesten Schüler des Sokrates, Platon, der zugleich Aristoteles‘ Lehrer war, ist dieser wohl in den Kontakt mit Sokrates‘ Lehre gekommen.

Die sokratische Wende kann als der Urknall der Ethik verstanden werden. Zum allerersten Mal kommt bei dem Athener Steinmetzsohn und überzeugten Querulanten Sokrates nachweisbar die Vorstellung auf, dass eine Handlung nicht nur deshalb als gut anzusehen sei, weil die Tradition oder der Gebrauch oder die gesellschaftliche Vereinbarung (Konvention) sie als gut bestimmt. Man stelle sich vor – schon vor 2300 Jahren ist diese Idee entstanden, die die Individualethik möglich machte, die die Grundlage allen modernen Staatswesens darstellt, und ohne die „sittlicher Fortschritt“ kaum möglich gewesen wäre. Keine Revolution ohne die sokratische Wende – denn wenn Prunk und Pracht weniger auf Kosten vieler nun einmal Konvention sind und es nicht einmal die Idee gibt, dass Konventionen angreifbar sind, dann kann kommt es wohl kaum zum Aufstand!

Die Ethik tritt uns in der Geschichte in verschiedenen Formen gegenüber; die meisten Ethiker äußerten sich naturgemäß „normativ“ – das heißt, sie versuchten festzulegen, was gut und was schlecht sei. Andere dagegen, besonders in moderner Zeit, gingen „deskriptiv“ vor – sie beschrieben, nach welchen Kriterien Menschen Dinge als gut oder böse auffassen. In der heutigen Philosophie finden sich noch die Metaethik als die Philosophie des Denkens und Sprechens von Gut und Böse, sowie, als Teil der normativen Ethik, Teilgebiete wie die ärztliche, die Wissenschafts-, oder die politische Ethik.

Was ist nun Ethik? Es gibt viele, viele kompetente Deutungen des Begriffs, und ich will eine davon nennen und eine hinzufügen – wenn sie schon nicht kompetent wird, dann ist sie wenigstens doch eine Deutung. 😉

Die simpelste treffende Definition des normativen Aspekts findet sich bei Immanuel Kant, von dem in dieser Reihe noch ausführlich die Rede sein soll: Er sieht als Ethik diejenige Philosophie, deren Grundfrage ist: „Was soll ich tun?“

Ich selbst kann meine Vorstellung vom Begriff der Ethik formelhaft so auf den Punkt bringen: Ethik ist destillierte Moral – das bedeutet, dass Ethik immer dann entsteht, wenn jemand seine persönlichen, womöglich instinktiven Vorstellungen von Gut und Böse (die ich Moral nenne) verstandesmäßig reflektiert und von einem „Das fühlt sich richtig/falsch an“ zu einem „Das sollten alle als richtig/falsch ansehen“ kommt. Ethiken im engeren Sinne sind für mich diejenigen, die auf verstandesmäßiger Analyse der Moral beruhen.

Das Thema dieser Vortragsreihe ist vornehmlich die normative Ethik, wenn auch am Ende ein Ausflug in die deskriptive bzw. in die Metaethik im Sinne des Entwicklungspsychologen Lawrence Kohlberg ansteht.

Die Abgrenzung der Ethik zu anderen Teilen der Philosophie fällt recht leicht; die Ontologie oder Seinslehre beschäftigt sich mit Existenz- und Realitätsfragen, die Logik kümmert sich darum, wie richtig gedacht werden kann – die Ethik ist also praktisch, sie wird als Kernstück der praktischen Philosophie angesehen.

Soweit zu Abschnitt A, Teil I. Ich danke für die Aufmerksamkeit. 😉

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One Comment leave one →
  1. 6. Dezember 2007 4:03 pm

    Ethik ist zwar reflektierte Moral, aber muss nicht mit Universalitätsanspruch auftreten.

    Überhaupt glaube ich, dass man Kants Frage heute nicht mehr stellen kann. Aus Was soll ich tun? muss Was darf ich tun? oder Was kann ich tun? werden.

    Ich hab darüber vor ein paar Tagen auch mal nachgedacht, vielleicht kommen wir im Dialog weiter.

    http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2007/11/23/von-kant-befreien/

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