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Gedanken anlässlich eines Partyberichts

2. Januar 2009

Der wegen Mordes verurteilte Ex-RAF-Mann Christian Klar ist seit einigen Wochen frei. Anlass genug für einige Berliner Genossen, eine Party zu feiern. (http://www.welt.de/politik/article2949122/Linke-feiern-Willkommensparty-fuer-Christian-Klar.html )

Auch Anlass genug für die „Welt“, darüber zu berichten, dass das ebenfalls beim Springer-Verlag erscheinende Schwesterblättchen „Bild“ über die Party berichtete. Eine Soli(daritäts)-Party ist beileibe nichts besonderes, es gibt sie für griechische Aufständische, Abschiebehäftlinge, Repressionsmaßnahmen ausgesetzte Genossen… fast jede Woche findet irgendwo so eine Party statt, auf der die Linke sich vor allem selbst feiert. Ausbrüche spontanen Volkszorns gegen die Kneipe sind jedenfalls auch nach der Berichterstattung nicht zu erwarten, es sei denn in Form faschistischer Angriffe – aber die haben dann wiederum nichts mit Christian Klar zu tun.

Der „Bild“-Bericht versucht (erwartungsgemäß) die guten alten Zeiten, wo „Bild“ noch das Kampfblatt der sublimiert faschistischen Volksmassen war, wiederzubeleben. Betont wird, wie „kalt“ und reuelos Christian Klar doch sei. Anschließend beömmelt sich der dummdeutsche Leser noch ein wenig darüber, dass es manchen Menschen gefällt, nicht in einer Wohnung à la Ikea zu wohnen und doitschen Schweinebraten zu essen, sondern lieber in autonomen Wohnprojekten vegane Speisen zu verzehren. Hier wird reaktionäre Meinungsmache betrieben – Christian Klar und die Party anlässlich seiner Freilassung sind nur der Aufhänger dafür. Fazit: Jeder (Nominaljournalist) blamiert sich, sogut er kann (und der Bild-Autor kann es).

Noch eine andere Zeitung mit globalem Namen berichtete darüber – die Junge Welt, ein dezidiert linkes Blatt. Hier werden selbstredend andere Töne angeschlagen: Der „Genosse“ Christian Klar wird in der Freiheit willkommengeheißen, man beklagt sich, dass er nicht schon bald nach dem Ende des „bewaffneten Kampfes“ der RAF freigelassen worden sei… man impliziert, die RAF habe es gewagt, „jene Herrschenden persönlich zur Rechenschaft zu ziehen, die verantwortlich sind für millionenfache Ausbeutung, Massenverarmung, Elend, Krieg und Tod“. Ein schöner Satz, um ihn auseinanderzunehmen…

„Jene Herrschenden, die verantwortlich sind…“ Diese Terminologie zeigt schon, dass sowohl die RAF-Leute als auch der Autor des JW-Artikels eine ideologische Macke haben bzw. hatten: Im kapitalistischen und je nach Situation mehr oder weniger unfreien System ist der Einzelne, auch wenn er in der Hierarchie oben steht, kapitalistisch verstrickt – seine Handlungen sind insbesondere bei seiner Amtsführung von den Kräften der Ökonomisierung bestimmt, und er unterdrückt nicht freiwillig, beutet nicht freiwillig aus, jedenfalls nicht unbedingt: Wie der einfache Angestellte seinen Job machen muss, um nicht zu hungern, und unbewusst bleiben muss, um nicht an den Widersprüchen seines Lebens zu vergehen, so hat auch der Arbeitgeberpräsident kaum die Möglichkeit, aus seinen Handlungs- und Denkvorgaben auszubrechen, da ihm sonst existenzieller Unbill droht, auch wenn mit einer größeren Machtposition und größerem Vermögen etwas mehr Freiheit in die Lebensgestaltung des Einzelnen kommt.

Das bedeutet, einzelnen Teilen der oberen Hierarchieebenen die Schuld an der Unmenschlichkeit der internationalen Verwertungsmaschinerie zu geben, basiert auf dem gleichen Denkfehler, der den wohlmeinenden Demokraten hemmt, der einfach eine neue Regierung wählt, wenn auch der neueste Heilsbringer diese Unmenschlichkeit nicht zu beseitigen weiß… diese beiden Gruppen, Linke und Staatsgläubige, legen beide die Verantwortung für Missstände in die Hände Einzelner – dabei ist die wirklich bedeutsame Erkenntnis radikal linker Theorie, dass nicht der Einzelne, sondern das System das eigentliche Problem darstellt.

Das bedeutet letztendlich eines: Angriffe auf Einzelpersonen, wie sie die RAF durchführte, haben keinen politischen Sinn – kommt ein kapitalistischer Postenträger ums Leben, wird er durch einen anderen ersetzt, unter dessen Ägide die Dinge auch nicht besser werden. Wenn aber einer Handlung jeder politische Sinn fehlt, fällt sie in der ethischen Bewertung unweigerlich auf sich selbst zurück, was im Falle der Tötung eines Funktionärs bedeutet, dass sie zu einer grausamen und abstoßenden Tat wird. Einen Menschen zu töten, nur um ein Statement zu setzen gegen ein System, dem dieser Mensch angehört? Das ist barbarisch, und abgesehen davon keine politische Handlung.

Das Urteil, auf dessen Grundlage Christian Klar einsaß, mag juristisch (und damit ethisch) fragwürdig gewesen sein; ja, es gab in den 70er Jahren eine intensive Hatz auf „Sympathisanten“ und „Terroristenfreunde“; ja, im Kampf gegen die RAF, die zu keiner Zeit eine tatsächliche Bedrohung für die BRD darstellte, hat dieselbe Züge eines Polizeistaates angenommen. Das macht Klars wie auch immer geartete Beteiligung an den Taten der RAF nicht weniger verwerflich – er wusste, dass Menschen getötet werden sollten, und er musste wissen, dass diese Menschen nicht Kombattanten in einer revolutionären Situation waren, sondern Zivilisten, wenn sie auch Mitschuld an Unmenschlichkeiten trugen. Selbst wenn jemand wie Schleyer die weltweite Ungerechtigkeit mit direktem Vorsatz zu verstärken versucht hätte, hätte er nicht getötet werden dürfen. Wer hinrichtet, enttarnt sich automatisch als Anhänger einer archaischen, falschen und verwerflichen Ideologie.

Da obige Argumentation nicht eben verbreitet ist, gibt es die Meinung, Christian Klar sei erst politisch Handelnder und dann politischer Gefangener gewesen, und ich will nicht ausschließen, dass Teile des Sicherheitsapparates das auch so sahen. Wer so denkt, der kann Solipartys für den Mann feiern. Für mich ist Christian Klar bestenfalls Opfer eines böswilligen Justizirrtums (die Tatsachen sprechen in meinen Augen dagegen), schlimmstenfalls (was viel wahrscheinlicher ist) einfach nur ein Mörder oder Mordhelfer – deshalb stoße ich lieber auf andere Anlässe an, die es mehr verdient haben.

Menschen wie Klar haben an einem Punkt ihres Lebens den Kardinalfehler des Menschen überhaupt begangen: Sie haben aufgehört, sich stets neu zu hinterfragen und jede Handlung einzeln auf ihre Richtigkeit hin zu überprüfen. Das in Kombination mit nichtökonomisierter, grundsätzlicher („radikaler“) Denkweise ist gefährlich. Jeder, der gedanklich die Probleme bei der Wurzel packen will, sollte seine Lehren daraus ziehen: Wer grundsätzlich denkt, hat eine höhere Verantwortung als die vielen, die ihre Gedanken mit Kompromissen beginnen und nicht, wie es richtig wäre, beenden.

Eine Randnotiz: Da Klar in seiner RAF-Zeit für mich kein politisch Handelnder war, ist er (wiederum für mich) auch kein „Genosse“.

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One Comment leave one →
  1. Alu permalink
    2. Januar 2009 10:29 am

    Axel Springer-
    Wir BILDen dir deine Meinung

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