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Freiheit – durch Verzicht?

28. September 2008

Gestern las ich bei Twister einen Blogeintrag, der sich mit einem Phänomen befasste, das auch mir schon öfter begegnet ist und das es, wie ich finde, wert ist, einmal darüber nachzudenken. Ich erlaube mir, die entsprechende Passage von Twister hier einmal zu zitieren: „Wann immer es um die Einreiseregelungen in die USA geht, bzw. um die ganzen neuen Regelungen bei einer Reise per Flugzeug, ist ein markiges „ich fliege halt nicht mehr“ nicht weit. Sicher, man kann durch diesen Boykott/dieses Entziehen einfach sagen „betrifft mich nicht“, der Punkt ist für mich aber, dass diese scheinbare Freiwilligkeit an das „geh doch nach drüben“ von einst erinnert. Biometrische Pässe? Verreisen Sie eben nicht (sponsored bei heimische Touriindustrie?) Flugdatenweitergabe? Nutzen Sie die Bahn (sponsored bei heimische Bahn?) Anti-Terror-Datei? Lass Dir nichts zuschulden kommen… (hä? ist meines Erachtens hier die einzig richtige Reaktion, da diese Argumentation absurd ist) Hat man wirklich die Wahl? Natürlich kann man auf Flüge verzichten (und wird dies dann ggf. gegenüber dem Arbeitgeber oder der ArGe gut begründen müssen), natürlich kann man auch auf Auslandsreisen verzichten etc., aber kann das wirklich ein Argument gegen all das sein, was seit 2001 passiert?“

In der Tat reagieren viele Menschen genauso. „Wenn dich die Überwachung stört, darfst du halt nicht telefonieren/im Internet surfen/whatever“. Das habe ich schon Dutzende, gefühlt aber eher Tausende von Malen gehört, wenn ich die allgegenwärtigen Überwachungsmaßnahmen unserer Regierung und ihrer exekutiven Helfershelfer von Polizei und Geheimdienst kritisierte. Aber ist das wirklich eine Lösung?

Meines Erachtens definitiv nicht. Wenn wir einmal anfangen, Verzicht zu üben auf alles, was uns der Gefahr aussetzt, überwacht zu werden – was dürfen wir dann überhaupt noch tun? Außer Reisen und Telekommunikation, was bereits Dinge sind, ohne die das tägliche Leben um einiges schwieriger und eintöniger wäre, gestalten sich auch viele andere Dinge schwierig, wenn man nach dieser Maxime leben will. Verzichtet man darauf, Bücher auszuleihen, weil die Stadtbücherei (wie in meiner Heimatstadt Krefeld) alle Bücher mit RFID-Chips versehen hat, bei denen man nie so genau weiß, was damit nun passiert oder nicht passiert? Verzichtet man darauf, überall hinzugehen, wo Videoüberwachung stattfindet, was je nach Gegend einem kompletten Verzicht auf Einkaufen und draußen Herumlaufen gleich käme? Es dürfte klar sein, was ich mit diesen Beispielen sagen will: Es ist bei dieser Art, zu denken, so gut wie unmöglich, irgendwo eine andere als eine willkürliche, von der persönlichen Leidensfähigkeit abhängigen Grenze zu ziehen. Sehr schnell wird aus diesem Verzicht ein totaler Verzicht auf nahezu alles. Für andere Szenarien ist die Überwachung in diesem Land momentan viel zu weit verbreitet.

Abgesehen aber von der mangelden Durchführbarkeit einer solchen Strategie, oder aber ihres schnellen Abgleitens in etwas, das wohl nur noch mit „Eremitendasein“ zu umschreiben ist, gibt es weitere, ebenso durchschlagende Argumente gegen diese Form der „Privatsphäre durch Verzicht“. Um es als etwas provokante Frage zu formulieren: Was hat all das mit Freiheit zu tun?

Sind wir frei, wenn wir auf Dinge verzichten, die uns helfen oder Spaß machen? Ist es Freiheit, wenn wir vor jeder Aktivität erst überlegen, ob wir uns damit staatlicher Überwachung aussetzen? Kaum jemand würde diese Fragen wohl positiv beantworten wollen. Wieso aber wird dann genau das von uns verlangt? Bequemlichkeit, Unwissenheit? Ernst nehmen jedenfalls sollten wir solche Vorschläge nicht. Dazu gehen sie viel zu weit an dem vorbei, was man sich eigentlich wünscht: Richtige Freiheit, nicht die durch Verzicht und Angst viel zu teuer erkaufte Pseudo-Freiheit, die darin besteht, sich nur scheinbar nicht anzupassen und allen „gefährlichen“ Aktivitäten aus dem Weg zu gehen. Damit aber gibt man Menschen die Macht über sein Leben, denen diese Macht eigentlich nicht zusteht, man gibt die Kontrolle auf über das, was man tut. Im Namen der Freiheit, der Eigenverantwortung, der Privatsphäre. Paradox, oder?

Gleichzeitig wird einem auch mehr oder weniger das Recht abgesprochen, im eigenen Staat, einer Demokratie, Dinge nach seinen Vorstellungen mitzugestalten. Twister umschreibt das treffend mit dem Vergleich mit dem (mir persönlich aufgrund meines Alters natürlich nicht mehr bekannten) Satz „geh doch nach drüben“. Die Parallele ist folgende: In beiden Fällen wird man aufgefordert, sich „herauszuhalten“, sich der aktuellen Situation zu entziehen und seine vom Gegenüber als störend empfundene Kritik einzustellen.

Das aber ist der falsche Weg. Wir sollten uns auf gar keinen Fall davon abhalten lassen, Dinge, die uns stören, wie beispielsweise die derzeit exzessiv und ohne jedes Ausmaß an gesundem Menschenverstand eingesetzte Überwachung unschuldiger Menschen, zu kritisieren. Wir sollten fordern, dass wir wieder reisen, surfen und telefonieren dürfen – ohne dabei zu gläsernen Menschen zu werden. Wir sollten fordern, dass der Staat mit sinnvollen Maßnahmen ein Höchstmaß an Sicherheit für uns herzustellen versucht, anstatt ein Sicherheitstheater zu inszenieren, das uns alle zu Gefangenen unserer eigenen Ängste und der unserer Entscheidungsträger macht. Wir sollten nicht in die Resignation und den aufgezwungenen Verzicht flüchten, sondern selbstbewusst unsere Rechte einfordern. Nur, wenn wir klarmachen, dass bestimmte Dinge uns wichtig sind, haben wir eine Chance, sie zu behalten oder zurückzubekommen.

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2 Kommentare leave one →
  1. 2. März 2010 3:02 am

    Lustig, ich denke gerade im Spagat. Verzicht ist meines Erachtens eine Tugend, die wir heute kaum mehr kennen. Zu sehr gewöhnt man sich an Standards, zu sehr an bequemes Glück. Verzicht ist im Onlineshop-WLAN-Billigflieger-Zeitalter etwas, was die eigene Persönlichkeit schützen kann – damit das Leben irgendwann noch aus etwas anderem als Konsum und Kommunikation besteht.

    Aber natürlich hat deine Argumentation Hand und Fuss. Seitdem wir mit unseren Freunden öffentlich übers Internet kommunizieren, haben wir uns einen freiwilligen Maulkorb auferlegt. Und damit erzeugen wir langsam eine Situation, die strenggenommen Ähnlichkeit mit der Ära der Stasi hat: Man weiss eben nie so genau, wer mitliest.

    Ich glaube allerdings auch nicht, dass die eigentliche Gefahr hier vom Staat ausgeht. Eher sind dies private Unternehmen, potentielle Arbeitgeber, Krankenversicherungen etc, die ein Interesse daran haben, was ich am Telefon, im Internet und per Email von mir gebe.

    Meine persönliche Philosophie ist, dass die meisten kleinen Dinge im Rauschen untergehen. Sollte ich irgendwann mal bei Facebook gepostet haben, dass ich besoffen vor die Kneipe gekotzt habe, dann schützt mich wenigstens noch die Belanglosigkeit dieser Aussage und die Masse meiner 316 Millionen Mituser. Also: Flucht nach vorn ;).

    Und den Verzicht darauf, zu sagen und zu schreiben, was ich denke: Den kenne ich nicht.

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