Skip to content

Ursache und Wirkung

9. Juni 2008

Immer wieder stellt man fest, dass es oft sehr schwierig ist, bei den Menschen ein Bewusstsein für die Datenschutz-Problematik und die fortschreitende Einschränkung ihrer Rechte im Namen fragwürdiger Antiterrormaßnahmen zu wecken. Als Gründe dafür werden vor allem allgemeines Desinteresse an politischen Themen und die- leider oft auf das Ausnutzen des vorhandenen Sicherheitsbedürfnisses und das Anerkennen der angeblichen Notwendigkeit, seine Privatsphäre und einen Teil seiner Grundrechte für die Befriedigung dieses Bedürfnisses aufzugeben, abzielende- Informationspolitik der aktuellen Bundesregierung genannt.

Daran, dass diese Gründe tatsächlich einen Teil des Problems ausmachen, bestehen meines Erachtens wenig Zweifel. Angezweifelt darf jedoch durchaus werden, dass es sich hierbei um die ganze Wahrheit handelt. Meine Beobachtungen aus nunmehr immerhin einem Jahr intensivem Engagement für den Datenschutz jedenfalls legen nahe, dass ein Teil des Problems hausgemacht ist, nämlich auf Missverständnissen und ungeschickter Vermittlung beruht.

Dabei geht es mir nicht um individuelle Fehler, sondern um eine Vorstellung, die so verbreitet ist, dass sehr viele Menschen sie offenbar als gegeben hinnehmen, die aber keineswegs so zwingend ist, wie es möglicherweise den Anschein hat, und der Akzeptanz unseres Anliegens in der Gesellschaft womöglich empfindlich schadet. Ich spreche hier ausnahmsweise nicht von dem konstruierten Gegensatz zwischen Freiheit und Sicherheit beziehungsweise Datenschutz und effektiver Terrorismusbekämpfung (den ich nach wie vor für ein großes Problem halte, aber das ist ein anderes Thema). Nein, bei dem Problem, auf das ich mich hier beziehe, handelt es sich nicht um einen konstruierten Gegensatz, sondern vielmehr um einen Zusammenhang, der immer wieder, sowohl von Beobachtern als auch von vielen Aktivisten, hergestellt wird: Die Vorstellung, dass Datenschutz per se ein „technisches Thema“ ist, relevant nur für „Nerds“ und computerinteressierte Menschen.

Momentan trifft diese Einschätzung zumindest insofern zu, als in der Datenschutzbewegung weit überdurchschnittlich viele Menschen aus IT-Berufen oder mit einem entsprechenden Interesse zu finden sind. Das jedoch dürfte teilweise daran liegen, dass diese Menschen bei der derzeitigen Form der öffentlichen Diskussion leichter einen Einstieg in diese Thematik oder zumindest in die mit dem Thema beschäftigten Arbeitsgruppen und Bürgerinitiativen finden.

Ist das zwingend? Geht Datenschutz solche Menschen eher an als andere? Ich denke nein. Datenschutz geht jeden an, dessen Rechte durch die neuen, für den „Kampf gegen den Terror“ eingeführte Maßnahmen eingeschränkt werden. Das aber sind beim besten Willen nicht nur Menschen, die etwas mit Begriffen wie GPG, TOR und AES-256 anfangen können. Eher im Gegenteil, reine Gelegenheits-Surfer oder Menschen, die den PC beispielsweise nur für Office und Email nutzen, weil sie das beruflich brauchen, haben wahrscheinlich die mit Abstand schlechtesten Chancen, durch Selbstschutzmaßnahmen und Tricks Maßnahmen wie der Vorratsdatenspeicherung zumindest ein Stück weit aus dem Weg zu gehen. Somit haben diese Menschen, wenn auch teilweise ohne sich dessen bewusst zu sein, einen ebenso guten Grund wie jeder Informatik-Student und Hacker, gegen die zunehmende Einschränkung ihrer Freiheit aktiv zu werden.

Selbst Menschen, die wirklich nie einen Computer nutzen (was mittlerweile auch außerhalb technischer Berufe nur noch eine Minderheit sein dürfte) können dadurch der mittlerweile fast omnipräsenten Überwachung nicht entgehen. Das fängt bei der Vorratsdatenspeicherung an, die ja nicht nur Internet und Email, sondern ebenso auch die Kommunikation mittels Telefon und Handy betrifft. Ein Telefon benutzt sogar meine Oma, die in ihrem Leben noch nie einen PC angefasst hat und Google wahrscheinlich für eine amerikanische Rockgruppe hält. Auch viele der anderen in den letzten Jahren diskutierten Themen sind in ihrer Wirkung nicht auf intensive Computernutzer beschränkt- auch „Normalos“ ohne jede Form von näherem Bezug zur IT gehen in die Stadt (Überwachungskameras), zahlen Einkäufe per Kreditkarte (Mikado), benutzen Flugzeuge (PNR) oder beantragen einen Personalausweis oder Reisepass (Eperso/Epass). Sie gehen zum Arzt (elektronische Gesundheitskarte), schicken vielleicht Pakete in die USA (Weitergabe von Postdaten) oder fahren Auto (automatische Kennzeichenerfassung). Die Liste ließe sich fortsetzen; Maßnahmen wie dem geplanten zentralen Melderegister entgeht ohnehin niemand.

An mangelnder Relevanz des Themas kann es also eigentlich kaum liegen, dass außerhalb des IT-Bereichs so wenige Menschen sich (sei es durch Aktivismus, durch Vertreten einer entsprechenden Meinung in Diskussionen oder auch „nur“ durch ihre Wahlentscheidung) für den Datenschutz einsetzen. Hier weicht offenbar die „gefühlte Betroffenheit“ von der Realität ab und einer der Gründe dafür ist in meinen Augen bei einer ungeschickten und nicht immer zielgruppengerechten Vermittlung der Problematik zu suchen.

Wer anfängt, Menschen für Datenschutz sensibilisieren zu wollen, indem er Live-CDs verteilt, fängt am falschen Ende an. Zunächst einmal müssen den Menschen die Hintergründe erklärt werden. Was soll ein super-sicheres Betriebssystem mit einer Million Privacy-Tools nutzen, wenn demjenigen, der es am Infostand in die Hand gedrückt bekommt, gar nicht wirklich klar ist, wieso er so etwas überhaupt benutzen sollte- oder er gar nicht die technischen Fähigkeiten hat, diese Dinge einzusetzen? Diese Person wird eher den Kopf über die „Freaks“ schütteln, die so etwas verteilen, und die ganze Sache dann vergessen.

Unseren Mitmenschen muss erst klar werden, dass es um ihre Rechte geht und dass diese stückweise eingeschränkt werden- Rechte, die für jeden Menschen dieselbe Bedeutung haben sollten, völlig unabhängig von dessen Beruf oder Hobby. Das gilt es zu vermitteln, nicht irgendwelche abstrakten Details über TOR und TrueCrypt.

Datenschutz- und Bürgerrechtsthemen gibt es schon länger als den PC- man denke nur an das Mikrozensus-Urteil des Bundesverfassungsgerichts in den 1960er Jahren oder an die Diskussion um die Volkszählung zwischen 1981 und 1987. Dementsprechend sollte eigentlich klar sein, dass nicht der Datenschutz seine Legitimation oder seine Notwendigkeit aus technischen Neuerungen bezieht, sondern die technische Entwicklung allenfalls die Form und Dimension vieler Datenschutz-Fragen beeinflusst.

Wieso ist es so schwer, genau das zu vermitteln? Wieso wird wieder und wieder der Technik die Hauptrolle bei der Vermittlung von Datenschutz-Themen eingeräumt, obwohl ihr doch eigentlich nur eine (wichtige) Nebenrolle zusteht? Ich weiß es nicht, aber Fakt ist, dass zu viele Datenschützer sich nur innerhalb eines Kreises von technisch versierten Menschen bewegen, dass sie ihre Meinungen lieber in Blogs, Foren, Wikis und Mailinglists zum Besten geben, als mit Menschen auf der Straße zu reden, und dass sie leider allzu häufig von oben herab und mit einer Vielzahl von für den Durchschnittsbürger völlig unverständlichen Fachausdrücken an ihre Mitmenschen herantreten. Fallen dann noch Äußerungen wie „wer Windows nutzt, kann es ohnehin nicht ernst meinen mit dem Datenschutz“ (tatsächlich so gelesen), möchte man nur noch den Kopf schütteln angesichts von soviel Selbstgefälligkeit und Ignoranz- und zwar nicht bei dem Windows-Nutzer.

Ich bin nicht technikfeindlich. Im Gegenteil, ich mag Technik, insbesondere Computer, und möchte sie demnächst zu meinem Beruf machen. So bleibt es natürlich nicht aus, dass ich mein Interesse an der IT mitunter mit meinem Engagement für den Datenschutz verbinde, mich zum Beispiel mit Verschlüsselung befasse, anderen Menschen Tipps zu technischem Datenschutz gebe oder Szenarien entwickle, wie Verbrecher die gegen sie gerichteten Maßnahmen umgehen könnten. Natürlich nutze ich auch gern und oft das Internet als Informationsquelle, als Kommunikationsmedium und als kostengünstige, unübertroffen schnelle Publikationsmöglichkeit. Das technische Hintergrundwissen aus meinem Studium und meiner sonstigen Beschäftigung mit der Materie hilft mir, Maßnahmen wie die Online-Durchsuchung, die Internet-Überwachung und die zentralisierte Speicherung von Daten besser zu verstehen und ihre Bedeutung und möglichen Risiken abzuschätzen.

Das alles ist sehr nützlich, aber weder ist es genug, noch eine Weltanschauung, noch ein Selbstzweck. Es hilft mir, Probleme zu erkennen, zu verstehen und Lösungen zu suchen. Aber das selbe gilt für historische, juristische, politische, psychologische und alle möglichen amderen Fachkenntnisse. Datenschutz ist ein komplexes und wichtiges Thema, dass das Engagement und das Fachwissen vieler verschiedener Menschen verdient, keine verkürzte, Ursache und Wirkung verwechselnde Sicht- und Darstellungsweise, die obendrein dazu angetan ist, einen Großteil der Bevölkerung eher auf Distanz zu halten, als sie konstruktiv mit einzubeziehen. Zur sinnvollen Beschäftigung mit diesen Fragen brauchen wir unsere vereinten Kräfte- dazu jedoch müssen wir zusammenarbeiten und Vorurteile überwinden, einander zuhören und Kompromisse machen. Eine große Herausforderung für alle Beteiligten- aber das gilt ja für unseren ganzen Kampf gegen die verfehlte Antiterrorpolitik der letzten Jahre.

Advertisements
2 Kommentare leave one →
  1. 11. Juni 2008 6:30 pm

    Grundsätzlich kann ich diesem Beitrag nur beipflichten.

    Wer Wind sät wird Sturm ernten, aber was ernten die, die Angst säen?

  2. ThoroughThinking permalink
    12. Juni 2008 5:35 pm

    Wer Angst sät, erntet Bundesverfassungsgerichtsurteile. 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: