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VDS, ganz zentral

21. Mai 2008

In den letzten Jahren hat sich Großbritannien zu einem der am besten überwachten Orte der Erde entwickelt- nirgendwo gibt es beispielsweise so viele Überwachungskameras wie in London, und auch viele der sonst in diesem Bereich geltenden Gesetze sind nicht gerade dazu angetan, Datenschützer in Jubelstürme ausbrechen zu lassen (ich erinnere an Nettigkeiten wie etwa RIPA, vulgo „Passwort oder Knast“ und die umfangreichen Kontrollen an britischen Flughäfen). Beim Weltdatenschutzbericht von Privacy International bekam das vereinigte Königreich das schlechteste Etikett einer „endemic surveillance society“ verpasst. Man muss sich wirklich fragen, was aus der fast schon sprichwörtlichen Gelassenheit der Briten geworden ist, wenn die terroristische Bedrohung sie derart schnell und gründlich in einen derart ineffektiven, panischen, die Rechte der Menschen schonungslos missachtenden Aktionismus treiben kann.

Was man dort auch an Überwachungsmaßnahmen beschließt, man macht es gründlich. So ist etwa die Vorratsdatenspeicherung bereits Realität für die Inselbewohner- aber das reicht der Regierung offenbar noch nicht. Wie unter anderem Slashdot, die BBC, heise und Golem berichten, will man nun einen Schritt weiter gehen und die bei der Vorratsdatenspeicherung angesammelten Daten (wie heise berichtet Informationen über jeden Telefonanruf, jede E-Mail und SMS oder jedes Besuchen einer Webseite, was sogar noch wesentlich weiter geht als die deutsche Variante, bei der besuchte Websites nicht gespeichert werden) in einer zentralen Datenbank speichern.

Grund für diese Aktion ist natürlich, wie soll es anders sein, die Bedrohung durch den Terrorismus. Die Ermittlungsbehörden sollen per Gerichtsbeschluss auf die Superdatenbank zugreifen können- nur so, so die Argumentation der Regierung, ist eine effektive Bekämpfung terroristischer Aktivitäten und somit ein Schutz der Bürger möglich. Golem berichtet: Ein Sprecher des Innenministeriums betonte, die Einrichtung einer solchen Datenbank sei notwendig, da die veränderten Kommunikationsgewohnheiten „unsere Fähigkeiten, an Kommunikationsdaten zu kommen, um die Öffentlichkeit zu schützen, zunehmend untergraben“.

Was hier außer acht gelassen wird, ist nicht nur die Privatsphäre der Menschen, sondern auch die eklatanten zusätzlichen Sicherheitsrisiken, die mit einer derartigen Datenbank einhergehen- sowohl die Missbrauchsrisiken durch Menschen, die Zugriff auf die Daten haben, als auch das Risiko durch kriminelle Hacker von außen. Je größer und zentralisierter eine solche Datenbank ist, desto attraktiver wird sie für jede Art von Kriminellen und desto größer ist der notfalls angerichtete Schaden. Die Daten, die in einer solchen Datenbank landen, sind Begehrlichkeiten und Bedrohungen ausgesetzt, die es ohne die Datensammelei des Staates und die zentralisierte Speicherung nicht gäbe.

Im Grund sind zentralisierte Datenbanken mit sensiblen Daten (und wenige Dinge sagen soviel über unser Leben, unsere Interessen und unseren Freundes- und Bekanntenkreis aus wie unsere Kommunikationsdaten, insbesondere in der in Großbritannien gesammelten ausführlichen Form) ein gutes Beispiel dafür, dass mehr Überwachung und der Verzicht auf Privatsphäre uns gerade nicht mehr Sicherheit bieten, sondern eher zusätzliche Risiken mit sich bringen, zum Opfer von staatlicher Willkür oder von Kriminalität zu werden. Das aber scheint man in Großbritannien außer acht zu lassen. Statt dessen verfolgt man stur den einmal eingeschlagenen Kurs weiter, einen Kurs, der nicht hin zu mehr Sicherheit führt, sondern eher hin zu Angst, Misstrauen und neuen Gefahren- alles im Rahmen eines unreflektierten Versuchs, den Terrorismus zu verhindern. Dies wird mit dieser Maßnahme nicht gelingen; Terroristen werden mittlerweile wissen, wie sie sich derartigen staatlichen Überwachungsbemühungen entziehen können. Statt dessen wendet man sich gegen Dinge, die unsere Gesellschaft erst lebens- und schützenswert machen: Offenheit, Meinungsfreiheit und Respekt vor der Individualität und der Privatsphäre seiner Mitmenschen. Schutz werden die neuen Maßnahmen nicht bieten- nur eine weitere Einschränkung der Dinge, die sich zu schützen lohnen.

Siehe auch:

Ravenhorst: Zentrale Regierungsdatenbank für britische Vorratsdatenspeicherung

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5 Kommentare leave one →
  1. Gast permalink
    21. Mai 2008 9:52 am

    Was meint ihr? Kommt unsere Politik bald auch auf den Gedanken, die Inhalte der besuchten Webseiten zu erfassen, zu speichern? Ein Segen, dass es Dienste wie JonDo oder Tor gibt! 🙂

  2. 22. Mai 2008 10:48 am

    Man sollte meinen, GB habe die Lektion aus der (nahezu wirkungslosen) Videoüberwachung gelernt. Angreifer stellen sich auf Schutzmaßnahmen ein. Und diese Art der Internetüberwachung ist kinderleicht zu umgehen (bereits ein Freemailer mit SSL-Zugriff und S/MIME in einem anderen Land untergräbt das System). Angesichts des unvorstellbaren technischem Aufwandes gäbe es sicherlich bessere Möglichkeiten zur Terrorismusbekämpfung, die auch einen weniger hohen Preis in Sachen Freiheitsrechte bedeuten.

  3. Annika permalink*
    22. Mai 2008 10:32 pm

    Gast, das wage ich dann doch zu bezweifeln. Angesichts der jüngsten Klatschen vom Bundesverfassungsgericht dürfte das derzeit politisch wohl kaum durchsetzbar sein. Natürlich soll man niemals nie sagen, aber die konkrete Gefahr halte ich eher für gering.

    Michael, da kann ich Dir nur voll inhaltlich zustimmen.

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