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Little Brother (Buchkritik)

13. Mai 2008

Möglichkeiten, sich gegen bedenkliche Entwicklungen in unserer Gesellschaft einzusetzen, gibt es viele- man kann sich direkt parteipolitisch engagieren, kann versuchen, durch Aktionen und Kundgebungen politischen Druck auf die Verantwortungsträger aufzubauen, oder man kann immer wieder das Gespräch mit seinen Mitbürgern suchen und bei diesen ein Bewusstsein für die Problematik zu wecken versuchen. In letztere Kategorie kann man den neuen Roman des Autors Cory Doctorow einordnen, der nicht nur unterhalten, sondern auch zum Nachdenken über gesellschaftliche Probleme und mögliche Lösungsansätze anregen soll. Doctorow sieht laut eigener Aussage die aktuelle Sicherheitspolitik mit ihren extremen Eingriffen in Grund- und Bürgerrechte und der Tendenz zu immer umfassenderer staatlicher Überwachung mit großer Besorgnis und will dies in seinem Buch vermitteln.

Um möglichst viele insbesondere junge Menschen zu erreichen gibt es das Buch mit dem Titel Little Brother (eine Anspielung darauf, wie sich scheinbar unterlegene Menschen gegen den alles überwachenden staatlichen „Großen Bruder“ zusammentun und diesen ihrerseits in seinem Tun zu überwachen versuchen) auch als freies Ebook unter einer CC-Lizenz in vielen verschiedenen Formaten- man kann also unschwer erkennen, wie ernst es dem Autor mit seinem Anliegen ist.

Hauptperson des Buchs, das in einer „nicht allzu fernen Zukunft“ spielt (die Denkweisen, Technologien und Institutionen sind dieselben, aber immer ein kleines Stück weitergedacht, was einen interessanten, zum nachdenken anregenden und mitunter auch sehr lustigen Wiedererkennungeffekt zur Folge hat) ist der 17-jährige Hacker Marcus, der mehr oder weniger durch Zufall Bekanntschaft mit den extremen Methoden des Department of Homeland Security macht und sich schließlich dafür entscheidet, zusammen mit seinen Freunden Widerstand zu leisten und seine verfassungsmäßig garantierten Rechte zurückzufordern. Dabei greift er vor allem auf Einfallsreichtum, überlegene technische Fähigkeiten und die Unterstützung Gleichgesinnter zurück- aber auch das scheint mitunter zu wenig zu sein in einer Gesellschaft, in der fast jeder Schritt überwacht wird (sogar wortwörtlich; eine der von den Überwachern verwendeten Technologien sind Sensoren, die Personen an ihrem Gang erkennen können) und die Mitarbeiter des DHS Befugnisse haben, im Namen der nationalen Sicherheit so ziemlich alles mit ihren Mitmenschen zu machen.

Ob es ein Happy End gibt, wird an dieser Stelle nicht verraten, aber sehr viele der Probleme, Fragen, Herausforderungen und Ängste, denen sich Marcus im Laufe der Handlung stellen muss, dürften Lesern, die sich selbst mit der Materie befassen, bekannt vorkommen. Überhaupt fand ich es beeindruckend, wie authentisch die Geschichte wirkt- die technischen Details, die Gedankengänge der Protagonisten und die Sprache der jungen Computerfreaks, alles scheint direkt aus dem „Real Life“ zu kommen, was, Gleichgesinnte werden mir da zustimmen- leider viel zu selten ist. Auch die Personen sind keine „Klischee-Nerds“, sondern größtenteils durchaus sympathisch und glaubwürdig. Menschen wie ich können sich hier wiedererkennen und technischen Laien wird (auch durch die Erklärungen der verwendeten Technologien, die für technisch versierte Leser zwar nichts neues bieten, aber sehr verständlich und sachlich korrekt sind und so im Sinne der Aufklärungsarbeit Gold wert sein dürften) ein Zugang zur Thematik geboten, der ausnahmsweise einmal nicht langweilig, übertrieben kompliziert oder von oben herab ist oder Klischees über die angeblich mangelnden sozialen Fähigkeiten computerinteressierter Menschen bedient (sicher gibt es solche Leute, aber gerade unter den gesellschaftlich und politisch engagierten findet man auch sehr oft ein völlig anderes Verhalten vor).

Insgesamt kann ich die Lektüre von Little Brother nur empfehlen, da das Buch wichtige Themen anspricht, sehr gut geschrieben und obendrein noch spannend ist (und als Bonus gibt es sogar noch ein Nachwort des von mir sehr geschätzten Bruce Schneier). Momentan gibt es das Werk allerdings nur auf Englisch zu lesen- aber was das angeht, hat die Open Source-Community ja Mittel und Wege.

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