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Linke Religion

15. März 2008

Im Zusammenhang mit den Fragen, die uns bewegen, die auch die Demonstration am heutigen Tage bewegt haben, tauchen bisweilen Argumentationen auf, die zu allererst dadurch auffallen, dass sie das Bekenntnis zum Rechtsstaat ablehnen, dass sie auch die Demokratie falsch verstanden wähnen und dass sie all das an Äußerungen, was ihren Vorstellungen nicht entspricht, durch selbstgefällige Ironie (so wurde beispielsweise den aufrufenden Organisationen zur Kölner Demonstration ‚empfohlen‘, doch nicht dem Bund der Steuerzahler beizutreten, weil im Aufruf die Investitionen in Überwachungsstrukturen als nutzlos bezeichnet wurden) lächerlich zu machen versuchen.

Die Gegen’argumentationen‘ (dagegen sind sie wohl, Argumentationen nicht) bedienen sich dabei gern gewisser Zitate von genehmen Schreiberlingen – meist Theoretiker des Marxismus-Leninismus oder wie immer die jeweilige Ideologie benannt wird; diese Zitate werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten. Sie lassen Begriffe, sowohl eigene als auch die der ‚Gegenseite‘, undefiniert stehen, besitzen aber die Verve desjenigen, der sich im Besitze der allein seligmachenden Weisheit wähnt.

Denjenigen, die das für Philosophie halten, es gar „kritisch“ nennen, kann ich nur sagen: Wer wirkliche philosophische Texte gelesen und studiert hat, der wird sich nicht länger für die Konstrukte dieser Ideologen interessieren.

Was macht eine Argumentation aus, die man als ‚wahre‘ solche bezeichnen kann? Zu allererst: Die Wahrheit ist eine Lüge. Wer das Konzept hat, die Ungerechtigkeit in der Welt zu beseitigen, wer die eine Lösung für ein großes Problem hat, der kann nur Lügner sein, seine eigenen ganz speziellen Interessen verfolgen oder aber statt tatsächlicher Handlungsansätze zu suchen lediglich Gedankenspiele betreiben, die weitab jeder Realität existieren.

Warum ist das so? Der erste Grund ist der, dass jede Analyse der aus den Handlungen vieler Menschen entstehenden Gesellschaftsentwicklung notwendig modellhaft bleiben muss; denn eine solche Analyse ist nur dann möglich, wenn man vom Individuum weggeht und die zwischen den Individuen entstehenden Dynamiken betrachtet, sie schließlich zusammenfasst zu Betrachtungsgruppen, bis man schließlich ein Bild von der Gesellschaftsentwicklung im Ganzen hat. Dass mit einem Modell, das nicht jedes einzelne, seiner Natur nach unberechenbare menschliche Wesen und dessen ganze, nicht einmal für EINEN Menschen komplett begreifliche Psyche erfasst, keine unangreifbare Wahrheit, sondern eben nur ein Modell entsteht, wird niemand anzweifeln können.

Wenn nun jemand trotz dieser Tatsache an solch ein Modell glaubt, es trotzdem zur einzigen, absoluten Wahrheit erklärt, verlässt er unweigerlich das Terrain der Philosophie, er bewegt sich dann im Bereich der Ideologie oder Religion, die nicht an die Realität gebunden ist, gebunden sein kann. Das ist legitim, das ist in Ordnung – wenn demjenigen klar ist, dass das, was er als unbegrenzt wahr empfindet, einer Analyse nicht standhält… und somit nicht in die Realität übertragen werden darf, sogar nicht kann. Wer es dennoch tut, irrt notwendig…eine solche ‚Denk’weise ist auch dann Religion, wenn sie sich anders nennt, „kritische Haltung“ oder gar „Philosophie“.

Jede Argumentation muss deshalb davon ausgehen, dass sie grundsätzlich widerlegt werden kann; wer „weiß“, dass er recht hat, wird nicht mehr argumentieren, nur behaupten, und genau das tun die Vertreter der philosophisch getarnten Ideologie/Religion des Antikapitalismus. So sehr der Marktliberalismus und der blinde Glaube an parlamentarische Demokratie Religion und somit für tatsächliche Problemlösungen nur Triebfeder sein kann, so sehr ist auch der Leninismus in pseudophilosopische Phrasen gekleidete Religion. In gänzlichem Unverständnis des Marx’schen Materialismus nennt er sich selbst „materialistisch“, weil sie sich angeblich rein auf die Realität stützt, die gesellschaftliche Realität insbesondere – aber wer um alles in der Welt glaubt, dass die komplizierte Welt in einer einzigen bestimmten Wahrnehmung ausreichend bzw. komplett und richtig erfasst ist? Wer ist so arrogant, das zu glauben?

Lächerlich mutet das Standardargument aus dem kindisch-revolutionären Legobaukasten gegen die Bemühungen um die Freiheiten an, die die demokratische heutige Republik ausmachen: Meinungs- und Pressefreiheit seien bedeutungslos für den Hungernden.

Ja, es gibt unvorstellbares Elend in der Welt. Auch, dass darauf unsere westlichen Gesellschaften einen Einfluss haben, ist allgemein akzeptierte Annahme. Aber sollen wir deshalb unsere Freiheiten als nebensächlich ansehen? Wenn bei meinem Computer der Bildschirm beschädigt und die Festplatte von einem Virus befallen ist, ignoriere ich dann die Festplatte, weil es noch ein anderes Problem gibt? Wenn ich merke, dass ich die Mathematikprüfung nicht bestanden habe, vermassele ich dann aus Prinzip die Physikprüfung gleich mit?

FiS sah sich in einem Flugblatt mit dem Vorwurf der „Deutschtümelei“ konfrontiert, weil Markus Pachali es wagte, August Hoffmann von Fallersleben und die dritte Strophe seines Deutschlandlieds positiv zu erwähnen; ja, natürlich war Hoffman Antisemit, Nationalist, zeigte xenophobe Tendenzen – aber wollen wir über die Integrität längst toter Männer sprechen? Einigkeit und Recht und Freiheit – sind die heutigen Begriffe davon falsch, weil ein Dichter mit heute inakzeptablen Ansichten sie damals auch verwandte? Gut, wenn wir auf diesem Niveau operieren wollen, habe ich den Freunden von der „Antifaschistischen“ „Aktion“ (Parolenschreien macht keine Aktion, dümmliche Provokation und Destruktivität noch keinen Antifaschismus) auch ein paar Dinge zu erzählen. Mao war pädophil, Che Guevara befahl Massenmorde und Lenin war ein gewissenloser Menschenschlächter. Geht es um richtig oder falsch – oder geht es ums Rechthaben?

Ich habe mich immer der linken Seite des politischen Spektrums zugehörig gefühlt – persönliche Freiheit und Verantwortung, strenge staatliche Restriktionen für nichtnachhaltiges Gewinnstreben, weltweiter Einsatz für diese Werte, ja, das wünsche ich mir… aber was die auf der äußeren Linken positionierten Gruppen tun, ist auf den Tag zu warten, an dem die Welt in ihre von ihren Wünschen geprägten Modelle passt. Dieser Tag, HerrschaftInnen, wird nicht kommen, so leid es mir tut.

Diskutieren wir redlich; lassen wir uns nicht von vorher festgelegten Wahrheiten und ‚Prinzipien‘ leiten, sondern suchen wir gemeinsam und im Wissen um unsere eigene Fehlbarkeit im Dialog und ohne persönlichen Stolz Lösungen für die Probleme, die sich uns stellen; benutzen wir keine inhaltlichen Hypothesen und erklären sie für unangreifbar, sondern einzig das formale Prinzip, dass keiner, auch wir selbst nicht, a priori richtig liegt.

Du mußt allein die eigne Wahrheit finden.
Und wenn jemand aus dem Unterholz bricht
Und die allein seligmachende Weisheit verspricht,
Füchschen, glaub ihm nicht!

Reinhard Mey – “Füchschen”

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