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Achtung, prodemokratische Agitation – Der neue Leviathan

29. Februar 2008

Der Leviathan; das gewaltige Monster der nahöstlichen Überlieferung, das alles ist und alles verschlingt, das Wesen, das Thomas Hobbes für seine Staatsmetapher verwandte… ich will es heute mit einer neuen Deutung versehen.

Von der polis des alten Griechenlands zur heutigen Massendemokratie, von der römischen Republik bis zum Deutschen Reich nach Weimarer Reichsverfassung zieht sich ein roter Faden durch die Geschichte aller demokratischen oder teilweise demokratischen Systeme, ein Faden, an dem sich die Milliarden, die den Freistaat (denn nicht anders sollte man „Republik“ sinnentnehmend übersetzen) nicht verstehen und deshalb kritisieren, entlanghangeln…

‚Herrschaft der vielen? Gar aller? Lachhaft! Wer herrscht, das sind die Parteichefs, die Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, nicht das Volk‘ sagen sie, und man weiß nichts darauf zu antworten als Republikaner (Freistaatsfreund, nicht Mitglied der vor längerer Zeit aus der europäischen republikanischen Partei ausgeschlossenen Rechtspartei), denn tatsächlich – Entscheidungen der Politik (politeia, die gemeinsame Sache, der Staat) werden von wenigen getroffen – so scheint es wenigstens. Bestenfalls noch in den Regierungsfraktionen des Bundestags wird über die beste Entscheidung debattiert, schon die Aussprache im Plenum ist Farce. Wichtige Entscheidungen brauchen lange oder kommen aus dem Vermittlungsausschuss als nutzlose Kompromisse zurück. Man möchte rufen nach dem einen Mächtigen oder der einen Mächtigen, die alles in die Hand nimmt und allein die Verantwortung und die Entscheidungsgewalt trägt… das Führerprinzip Adolf Hitlers steht in Reinform vor einem. Unbewusste Voraussetzung ist: Mancher ist ein Führer, mancher nicht. Mancher ist zum Herrschen, mancher zum Dienen geboren. Schwachsinn! Wer nennt mir ein glaubhaftes Anzeichen dafür, dass nicht alle Menschen von gleichem Wert sind, dass einer über dem anderen stehen solle? Oder tatsächlich über dem anderen stehe?

Dennoch – das parlamentarische Staatswesen scheint ungeeignet, es ist nicht effizient und die Stimme des einzelnen Bürgers verhallt im Gewirr der herausgebrüllten Interessen. Die Klugen sind Rufer in der Wüste. Der vermeintliche Grund dafür wird nicht immer genannt, wenn er aber genannt wird, dann ist es die Korrumpierung der politischen Kaste, die mediale Verflachung, der zu große Wohlstand… und all das wird dem „System“ angelastet, gar der Idee des Freistaats. Ist das wahr? Brauchen wir den Führer? Kann es nicht anders sein als dass wenige herrschen?

Vielleicht haben wir mehr Wohlstand, als uns gut tut – was ist die Lösung? Die dekadenten Krankenhäuser abschaffen? Die lachhaften Theateraufführungen? Das sorgfältig produzierte und immer überwachte Essen? Die vielfältige Kultur überhaupt? Auch Bettelorden haben nicht unbegrenzt Plätze für Mitglieder. Schuld ist jedenfalls nicht die Idee der Republik.

Vielleicht verflachen die Medien – aber wie kommt es? Werden nicht die Medien produziert, die auch konsumiert werden? Kann man das der Idee der Republik anlasten? Wer mir das glaubhaft argumentiert, dem schenke ich zwei Jahre ‚Grevenbroicher Tagblatt“ im Abo – sischer dat, Schätzelein! Ganz nah dran und immer knallhart nachgefragt.

Vielleicht ist die politische Kaste korrupt, vielleicht auch die wirtschaftliche Spitze – aber eins ist gewiss: Die eine wie die andere haben wir selbst erschaffen. Erschaffen haben wir uns den Leviathan, das Monster unserer Gesellschaft, durch eigenes Handeln – die gemeinsame Sache, sei es auf der Ebene der Nachbarschaft, der Kommune, des Landes oder des Bundes, diese gemeinsame Sache, die res publica, die wird nur dann gepflegt und wird nur dann gedeihen, wenn zumindest große Teile sich für sie verantwortlich fühlen. Ein Führer oder eine Kaste von Führern werden rasch an ihre Grenzen stoßen. Wir, unsere Eltern und unsere Großeltern haben nicht gehandelt, sie haben den Rat Herbert Wehners ausgeschlagen, sich „frei zu machen von dem Untertanengemüt“, und so konnten die Wenigen das Steuer an sich nehmen, mussten es gar, damit überhaupt jemand sich Gedanken um das Gemeinwesen macht, und sind im Schmortopf der neu entstandenen Führungsgruppe zu machtgeilen Kurzdenkern verkommen, wenn sie nicht ohnehin schon Opportunisten waren.

Nur freie Bürger erschaffen eine freie Gesellschaft, nur die, die nicht in Kategorien von Macht oder Nicht-Macht denken, können ein Gemeinwesen tragen, das den Namen verdient. Nur freie Bürger können demokratische Ämter einnehmen und diese Ämter richtig ausüben, und wo es nur wenige freie, republikanisch gesinnte Bürger gibt, da sind nur ungeeignete Kandidaten für die nötigen Ämter vorhanden, und wo die Ungeeigneten die Ämter wahrnehmen, da entsteht eine gesellschaftliche Blase, eine politische Klasse, die so wenig von der „politeia“ versteht wie ein Backstein vom Fließen.

Wir, und damit meine ich alle Mitbürger, haben uns unseren eigenen Leviathan erschaffen. Nur wenn wir an der Stelle, wo es unseren Fähigkeiten und auch unseren Neigungen entspricht, unsere Kraft für die öffentliche Sache, die res publica, die Republik, den STAAT im eigentlichen Sinne einsetzen, nur dann werden wir erleben, wie gut, wie richtig das freiheitlich-demokratische System ist. Nur dann werden wir verschont bleiben von närrischen Überwachungsgesetzen, verbrecherischen Plänen in der „Sicherheitspolitik“, von dummen, falschen Entscheidungen. Schon allein, wenn wir die Erkenntnis, dass wir frei sein müssen, dass wir zum Einsatz für die Gesellschaft „verdammt“, verpflichtet sind, tief in unserer Persönlichkeit  verankern, haben wir einen Schritt gemacht.

Es gibt keine hohen, es gibt keine niedrigen Menschen. Es braucht keine „herrschende Klasse“. Lassen wir uns nicht auf das dumme Spiel ein, die „tatsächlich existenten“ Verhältnisse auch als einzig mögliche zu nehmen. Wenn ein Stein auf uns liegt, nehmen wir dann an, dass das so sein müsse? Oder schieben wir ihn herunter und stehen auf?

Demokratie eröffnet, wie der berühmte Satz sagt, die Möglichkeit, eine schlechte Regierung unblutig loszuwerden. Überhaupt kann man schlechte Entscheidungsträger, schlechte Volksvertreter in der Demokratie unblutig loswerden!

Jeder auf seinem Gebiet, jeder an seinem Ort soll für seine eigene Freiheit arbeiten und sich für das Gemeinwesen einsetzen. Wir werden nie die Republik in Perfektion sehen, aber wir können eine bessere sehen als es sie jetzt gibt.

+++

Ich weiß, dass ich hohe Messlatten anlege, ich weiß, dass ich hohe, ferne Ziele setze. Wie schon gesagt – wir werden die perfekte Republik nie erschaffen können, auch wir selbst werden nie ganz frei sein – aber das ist das denkbar schlechteste Argument dafür, sich nicht um den besten Staat, die beste Freiheit zu bemühen.

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  1. hollarius permalink
    6. März 2008 2:15 pm

    Du bist aber auch ein Idealist, lieber Durchdenker … ich weiß, ist keine gute Übersetzung, oder? … egal, ich hätte eine Idee, wo man mit dem Umschwung ansetzen kann, der zu deiner Utopie führt. Kinder, und zwar alle, und nicht nur ein paar wenige auf Gymnasien und Waldorfschulen, müssen wieder gebildet werden, und nicht nur für den einen oder anderen Beruf ausgebildet. Bildung muss wieder ein höherer Wert sein, als Sonnenbräune und Kleidergröße … das würde uns schon ein bisschen weiterbringen …

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