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Datenschutz- ein Nerd-Thema?

13. Februar 2008

Heute fiel an unserem Info-Stand wieder einmal eine Frage, der man, wenn man sich für Datenschutz engagiert, leider häufiger begegnet: „Macht ihr alle was mit Informatik?“ Nun waren von den Anwesenden (Mitglieder der Piratenpartei und der Bürgerinitiative „Freiheit ist Sicherheit“) wirklich die meisten dem IT-Bereich zuzurechnen- aber das ändert meines Erachtens nichts daran, dass ich diese Spontanreaktion als Anzeichen dafür sehe, dass bei der Vermittlung der Materie etwas schiefläuft. Warum? Nun, eigentlich läuft es auf einige einfache Sachverhalte hinaus, die ich hier versuchen werde zu erläutern.

Ich selbst studiere Informatik (auch wenn ich mich niemals als „klassischen IT-Nerd“ bezeichnen würde, sei es weil ich gerne schreibe, Reden halte und mich mit anderen Leuten, auch und gerade welchen außerhalb meines Fachbereichs, unterhalte, weil ich ziemlich heftige Probleme im Fach Mathematik habe, weil ich weder OS-Flamewars noch Bücher von Terry Pratchett mag oder aus einer knappen Million anderer Gründe). Das aber ändert nichts an der Tatsache, dass ich dieses Thema nicht dem Fachbereich IT zuordnen würde und es dort auch eigentlich sehr ungern sehe.

Zunächst einmal: Ich bestreite nicht, dass die Tatsache, im IT-Bereich tätig zu sein, bei vielen Menschen eine Rolle bei der Entscheidung spielt, sich für Datenschutz zu engagieren. Man hat, wenn man sich mit den technischen Hintergründen auskennt und sich täglich mit diesen beschäftigt, einfach ein anderes Bewusstsein des technisch machbaren und der damit verbundenen Risiken. Ein System-Administrator kennt das Gefühl, wichtige Daten anderer Menschen zu bewachen, und die unglaubliche Verantwortung, die damit einhergeht. Ein IT-Security-Experte weiß, wie schnell einmal angesammelte Daten durch eine unwichtig erscheinende Sicherheitslücke abhanden kommen können, wenn sich nur jemand genug bemüht. Ein Programmierer ist vertraut mit der Problematik, Code zu schreiben, der möglichst keine Fehler oder Kompatibilitätsprobleme aufweist, und bekommt möglicherweise dadurch das Gefühl, dass der Bundestrojaner wohl kaum so klinisch sauber und risikofrei sein kann, wie seine Befürworter das gerne betonen. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Der Handlungsbedarf in Sachen Datenschutz, individuelle Freiheiten und Bürgerrechte stellt sich aus diesen Gründen für Angehörige der IT-Branche oft ganz anders dar als für die Angehörigen anderer Berufsgruppen. Das kann ich sogar aus eigener Erfahrung bestätigen. Zwar wurde bei mir das Interesse an der Thematik und das Gefühl der Wichtigkeit dieser Dinge schon sehr viel eher geweckt, als der Entschluss fiel, Informatik zu studieren (genauer gesagt an einem grauen Septembertag, als ich gerade 17 war und das Wissen, dass diese Dinge in Zukunft nicht mehr selbstverständlich sein würden, mit der ganzen brutalen Deutlichkeit eines im Wortsinne historischen Ereignisses über mich hereinbrach), aber mein verstärktes Engagement und mein Wissen um einige der Hintergründe haben sicher so einiges zu tun mit der Tatsache, dass ich Informatik studiere und mich besonders mit IT-Security befasse. Ich verstehe daher jeden, der vor diesem Hintergrund zu unserer Bewegung kommt- ganz einfach weil er „weiß, was geht“.

Und trotzdem- ein Thema nur oder primär für Nerds, Computerfreaks oder IT-Profis sind der Datenschutz, der Schutz individueller Freiheiten und das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit in einem modernen Staat ganz sicher nicht. Ganz einfach deswegen, weil sie jeden etwas angehen. Nur weil man sich nicht mit dem PC auskennt, entgeht man noch lange nicht der Vorratsdatenspeicherung- ein Telefon oder Handy haben fast alle Bundesbürger. Von Videoüberwachung dürften Klischee-Nerds, die lieber World of Warcraft spielen als vor die Tür zu gehen (bitte, liebe Kollegen, ich überzeichne hier bewusst und beabsichtige keine Beleidigung) sogar am allerwenigsten betroffen sein- grundsätzlich betrifft diese jeden Bundesbürger. Zentrales Melderegister, die neue Steuernummer, Paketdaten, Fluggastdaten, biometrischer Personalausweis- nur einige Beispiele von vielen für geplante oder bereits eingeführte Maßnahmen, die in der einen oder anderen Form absolut jeden Bundesbürger betreffen, ob technik-affin oder nicht.

Last but not least haben wir alle, egal in welcher Branche wir tätig sind, so ziemlich dieselben Grundbedürfnisse. Eines davon ist Sicherheit- ein sehr starkes und fundamentales Bedürfnis für uns alle, gewissermaßen schon hardcodiert in unseren Genen. Wie groß die Bedeutung dieses Bedürfnisses ist, sieht man ja schon daran, dass viele der sehr restriktiven Maßnahmen unserer Regierung mit genau dieser Begründung (nämlich unserer Sicherheit und insbesondere unserem Schutz vor Terroristen) fast widerspruchslos durchgewunken wurden. Wenn nun unser Vertrauen missbraucht wird, indem Maßnahmen eingeführt werden, die vielleicht das subjektive Sicherheitsgefühl erhöhen, unsere reale Sicherheit aber nicht verbessern, sie teilweise sogar verschlechtern, und das um einen extrem hohen Preis bei unseren individuellen Freiheiten, geht uns das alle an. Jeden einzelnen Bürger in Deutschland.

Zwischen den allermeisten in Deutschland lebenden Menschen sollte außerdem Einigkeit über gewisse Werte bestehen. Zu diesen Werten gehören auch genau jene, die durch die Vorratsdatenspeicherung und ähnliche Maßnahmen nun bedroht sind. Wir alle sind, als Bürger eines demokratischen Staates, ein Teil der größten Macht in diesem Land- des Volkes. Und deshalb geht es uns alle, jeden Einzelnen von uns, etwas an, wenn die zunehmend omnipräsenter werdende Überwachung viele Menschen so sehr einschüchtert, dass sie einen Teil ihrer Rechte aus Angst freiwillig aufgeben. Wir alle sollten solidarisch dafür eintreten, dass niemand Angst hat, seine Meinung zu sagen und seine ganz individuellen Ansichten in den demokratischen Prozess einzubringen- und das geht nur ohne das derzeit entstehende Übermaß an staatlicher Kontrolle.

Natürlich müssen wir, die wir vom technischen Aspekt her einen Wissensvorsprung haben, uns die Tatsache, dass wir noch allzu oft bei der Verfolgung dieser wichtigen Anliegen unter uns sind, zu einem guten Teil selbst zuschreiben. Es muss uns viel besser gelingen, normalen Bürgern mit wenig technischem Sachverstand klarzumachen, dass diese Probleme genauso auch die ihren sind. Ohne Missionierungsversuche, ohne die Leute mit Fachausdrücken zu überfordern, aber auch ohne Überlegenheitsgesten- diese Menschen sind nicht dümmer oder ignoranter, sie haben lediglich einen anderen Hintergrund. Das scheinen leider einige eher technisch orientierte Mit-Aktivisten noch nicht so ganz verinnerlicht zu haben.

Dabei braucht unsere Bewegung auch die Fähigkeiten dieser Leute, wenn sie auf Dauer erfolgreich sein will. Wir brauchen Juristen, die die rechtlichen Hintergründe der Überwachungsmaßnahmen verstehen (und, oftmals, klarmachen, wieso genau diese mit dem deutschen Rechtsstaat nicht vereinbar sind). Wir brauchen Lehrer und Pädagogen, die Konzepte ausarbeiten, wie der jüngeren Generation der Datenschutz und der Wert der Privatsphäre näher gebracht werden kann. Wir brauchen Schriftsteller und Künstler, die uns eine andere Perspektive auf die Problematik ermöglichen, brauchen Journalisten, die die Fakten aufdecken und Menschen informieren, und jeden Normalo in Deutschland, der Familie und Freunde für die Thematik sensibilisiert und seine ganz eigene Sichtweise und neue Ideen einbringt- eigentlich brauchen wir jeden Bundesbürger.

Leider sind wir von diesem Ziel noch weit entfernt. Das liegt zum Teil an Kommunikationsstörungen und mangelnder Information- und genau diese Probleme gilt es dringend zu beheben. Wenn wir verhindern wollen, dass dieser Staat sich weiter verändert und einige seiner besten Eigenschaften Stück für Stück aufgibt, müssen wir Vorurteile und Überlegenheitsdenken überwinden. Bei Fragen wie diesen sollten Beruf, Bildungsstand, Alter, Einkommen oder was man sonst noch so nutzen kann, um sich von anderen abzuheben und besser als sie zu fühlen (ja, das gilt auch für die Frage, ob man Windows, Linux, Mac OS oder noch etwas anderes nutzt) keine Rolle spielen. Unsere Aktivitäten, unser Versuch, zu informieren, sollten nicht von Nerds für Nerds sein- sondern von einem Bundesbürger zum anderen; von einem Menschen, der seine Freiheit schützen will, zu einem anderen, dessen Freiheit genauso wertvoll und wichtig ist. Nur so können wir Erfolg haben- aber wenn wir es schaffen, unsere eingefahrenen Denkmuster wenigstens ein Stück weit zu überwinden, sind unsere Chancen auf Erfolg alles andere als schlecht.

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6 Kommentare leave one →
  1. 13. Februar 2008 11:26 pm

    Das ist ja interessant. OK, ich habe eine Ausbildung im IT-Bereich und bin Physiker, also auch schon mit hohem Nerdfaktor, und trete für Datenschutz ein, aber in meinem Bekanntenkreis sind es gerade Leute aus dem linken Spektrum, die sich für Datenschutz interessieren, und die sind das krasse Gegenteil von Nerds.

    Aber andererseits hast du schon Recht, man wird schon komisch angeschaut, wenn man seine Emails digital unterschreibt oder das Webmail-Interface per https:// aufruft. Ich glaube daher, dass es eine wichtige Aufgabe ist, allein das nötige Sicherheitsbewusstsein unserer Mitbürger zu wecken.

  2. Annika permalink*
    14. Februar 2008 12:05 am

    Also bei den Datenschützern die ich kenne ist die Quote von Admins, Info-Studenten, Programmierern usw. wesentlich höher als in der gesamten Bevölkerung. Über das linke Spektrum kann ich nicht sooo viel sagen, das ist bei FiS und den Piraten eher nicht so stark repräsentiert.
    Ja, das Sicherheitsbewusstsein zu wecken ist sicher ein Teil des ganzen. Das darf aber meines Erachtens nicht so aussehen, dass man Menschen, die gerade mal den Start-Button von ihrem Windows und ihr Word finden, mit Details über Festplattenverschlüsselung, PGP, OTR, TOR und ähnliches bombardiert und die (meines Erachtens umfassendere und fundamentalere) gesellschaftliche Komponente nur unter ferner liefen erwähnt. Technischer Datenschutz ist ein Teil des Themas, aber er ist nicht das ganze Thema- und nur dadurch wird sich in diesem Land nichts ändern.
    Man würde ja auch erst einmal jemandem erklären, wieso es es ein Risiko ist, dass jemand in sein Haus einbricht, bevor man ihm eine Alarmanlage verkauft und einen Vortrag über die technischen Einzelheiten hält. Und niemand würde die Polizei und die Gesetze abschaffen wollen, nur weil er eine Alarmanlage hat.
    Genau so verhält es sich meines Erachtens mit Kryptographie und Datenschutz.

  3. 14. Februar 2008 3:24 am

    Ich komme zwar aus dem massiv technischen Bereich, ging aber später weiter in den geisteswissenschaftlichen Bereich. Ob meiner Vorbildung verdinge ich mich nebenher als Admin bzw. technisches Mädchen für alles 😉 Und wenn ich mich also nun dort umschaue (im geistenswissenschaftlichen Umfeld), so gelte ich als extremer Exot. Und da muß man mehrere Dinge in Betracht ziehen: Zeitmangel oder schlicht mangelndes Interesse. Es ist einfach normal, daß derjenige welcher sich tagtäglich in irgendeiner Form mit der Materie beschäftigt, letztendlich auch profundere Kenntnisse oder gar überhaupt welche aufzeigen kann. Vice versa steht jenem der technisch. „unbeleckte“ gegenüber, der anscheinend kein Interesse besitzt bzw. die Zeit nicht aufbringen möchte. Aber dabei muß man auch berücksichtigen, daß da draußen viele immens wichtige Thematiken existieren, neben Sicherheitsbewußtsein. Kontere ich dem Vollblutgeisteswissenschaftler oder dem Vollblutmediziner mit mangelndem Datenschutzbewußtsein, kommt als Konter recht behände mangelndes Kultur/Gesundheits/$Bewußtsein. Und letztendlich ist es eben so, daß nicht jeder mit dieser Materie mithalten kann. Und ehrlich gesagt es wäre auch sinnlos, nebenher *etwas* zu machen, sicherheitstechnisch gibts es eben keine halben Sachen und datenschutzrechtlich ist es die Büchse der Pandora. Einmal geöffnet bricht ein Inferno los, dem man nur mit intensiver Beschäftigung Herr werden kann.

    Abstrahierend wirken kann nur derjenige, der sich wiederum intensiv damit beschäftigt. Jemand dem dies unmöglich ist, muß anderen vertrauen – bei dieser delikaten Thematik wiederum ein Dilema, man muß vertrauen. Und worauf soll das Vertrauen basieren? Etwa auf der lauteren Aussage desjenigen oder dessen Bekannten? Das kann es wohl nicht sein, ergo mauert man. Wie man also sieht triggern in diesem Bereich recht viele Parameter.

    Man muß sich auch als Wissender darüber im klaren sein, natürlich ist es immens wichtig, aber diese Thematik ist nur ein Fragment. Die anderen Fragmente gehören ebenso zu einer funktionierenden freiheitlichen Gesellschaft und eben bei jenen anderen Puzzle-Stücken versagt das Gros mit techn. knowhow. Im Moment sehe ich ein massives abdriften in den rein techn. Bereich, was der Sache keineswegs zuträglich ist. Da müßte zuerst ein Konsens gefunden werden, damit all jene Fragment zu einem Stück zusammengefügt werden können.

    Selbst das Gros der Reden die man z.B. beim CCC auf den Veranstaltungen vorfindet prallen bei den erwähnten Teilen der Bevölkerung einfach ab, man erkannt teils auch die Wichtigkeit, sieht aber auch den Mangel an anderen Komponenten und ignoriert eben aus diesem Grund. Beinahe könnte man von einer Technokratie reden, die Kultur geht verlustig, der Mensch spielt indirekt ein Rolle. Tech-babbel steht im Vordergrund und theoretische Gefahren, welche mittels real existierenden Beispielen verdeutlicht werden. Aber auch diese Dinge liegen meist so fern von jenen Betrachtern, daß die Einsicht eben oft zu kurz kommt.

    Und ich, ich bin keine probate Schnittstelle für diesen Bereich, da mein Anliegen immer zweigeteilt war: Nerd und Kulur-Aktivist. Wobei ich beide Bereiche als zusammengehörig betrachte und obige erwähnte Insignien eines „Nerds“ eher als abwertend betrachte, als denn tatsächlich die Realität beschreibend. Bin ich ein schlechter Geisteswissenschaftler weil ich Mathe LK liebte oder bin ich vice versa kein echter Nerd weil ich ebenso in klassischer Literatur belesen bin und auch Gedichte rezitieren kann? Ich denke das entspricht zwar der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs, der eher einem Schimpfwort gleich kam, es entspricht jedoch keineswegs dem Naturell eines Nerds bzw. wie sich dieser selbst zieht – als eine Art Hans Dampf in allen Gassen, der damit auch Erfolg hat.

    Aber das wiederum ist schon mehr gen offtopic angesiedelt, jedoch sind es auch wiederum diese Oberflächlichkeiten, dieses Schubladen-Denken, welche dazu gereichen die Bevölkerung zu teilen. Bei einigen wird es wohl die Bequemlichkeit sein, bei anderen schlicht die Barriere in der Denkstruktur und diese gilt es von beiden Seiten zu überwinden. Datenschutz geht alle an, aber gleichberechtigt daneben existieren noch viele andere Dinge die ebenso jeden angehen, auch den datenschutzbegeisterten IT’ler 🙂

  4. 15. Februar 2008 1:05 pm

    Um direkt an Oliver anzuknüpfen:

    Und genau deshalb ist es wichtig, dass sich die verschiedenen Strömungen, Gruppierungen, wie auch immer man das nennen mag, im stetigen Austausch untereinander befinden. Die heutige Welt ist einfach zu groß für das Individuum.

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