Skip to content

B / III – Christliche Ethik

4. Februar 2008

Christliche Ethik

Ein kleines Vorwort, wie immer – ich bin innerlich ziemlich lange um diesen Teil der Reihe herumgeschlichen wie eine Katze um das Mauseloch; angesichts der unglaublichen Variantenbreite der christlichen Ethik und Moralphilosophie hatte ich die Sorge, keine ausgewogene Darstellung zu erreichen. Ich habe mich entschieden, bewusst willkürlich zwei Varianten herauszugreifen und diese an den „Prüfsteinen“ zu messen – im Wissen, dass die Schwächen, die sich finden, womöglich für das christlich orientierte Moralverständnis vieler nicht zutreffen. Diesen womöglich vielen möchte ich sagen, dass ich mir absolut im Klaren darüber bin, dass ich nicht alle und vielleicht nicht die zweckmäßigsten der christlich genannten Vorstellungen behandle. Ich respektiere auch die nicht behandelten Auffassungen, habe nur leider nicht die Möglichkeit und in vielen Fällen auch nicht die Kenntnis, um sie ebenfalls an den Prüfsteinen zu testen. Wer seine eigene Auffassung mit mir diskutieren möchte, ist dazu eingeladen. Nun aber zur Sache selbst.

Es ist trotz gegenteiliger Behauptungen von Kirchenfürsten und Fundamentalisten jeglicher Couleur ein definierender Teil des Wesens der Religion, dass jeder Gläubige seine eigene ‚Version‘ des Glaubens führt; Konformitäten, die in Glaubensgemeinschaften auftreten, und das Übernehmen von Glaubensvorstellungen von außen sind davon natürlich nicht ausgeschlossen. Es scheint mir jedoch als Außenstehendem selten, dass jemand die Vorgaben seiner jeweiligen Glaubensgemeinschaft ganz und gar übernimmt; der emotionale, persönliche Charakter der Religion bringt diesen Effekt hervor.

Ich erspare mir an dieser Stelle Ausführungen zur Geschichte des Christentums – erwähnenswert scheint mir doch, dass wir es mit einem Phänomen zu tun haben, dass wir es mit einer Religion zu tun haben, die im Laufe ihrer nun 2000 Jahre währenden Entwicklung unzählige helle und dunkle Seiten gezeigt hat. Das Christentum und die ihm als zentraler Punkt innewohnende Ethik wurde sowohl zur Rechtfertigung der Unterstützung der grausigsten Unmenschlichkeit („Deutsche Christen“ während der Naziherrschaft) und größter Heldenhaftigkeit im Kampf gegen die Unfreiheit (wie historisch jüngst in den Wendejahren) herangezogen.

Die erste der Spielarten, die ich beschreiben und der Prüfung unterziehen will, ist die persönliche Lehre des Jesus von Nazareth, und zwar in derjenigen Form, wie sie die als „Bergpredigt“ bekanntgewordene dezidiert politische Rede erlaubt zu sehen. Die Bergpredigt findet sich in den Kapiteln 5-7 des Matthäus-Evangeliums. Dieses Evangelium zeigt Jesus vorrangig als den König des auserwählten Volkes des einen Gottes, der Hebräer des „Alten Bundes“. In der Predigt erläutert laut gängiger Auslegung Jesus die Gesetze, die in seinem kommenden Reich Geltung haben werden.

Ich werde diejenigen Teile der Rede, die rein oder vorrangig auf spirituell-jenseitige Belange zielen, überspringen bzw. höchstens kurz berühren und stattdessen die dezidiert ethischen Verse in den Vordergrund stellen. Das mag aus „textkundlicher“ Sicht unvollständig und aus christlicher Sicht gar grob falsch sein, aber die Ethik ist mein Thema, nicht die Religion.

Die Bergpredigt

Am Anfang der Rede verspricht Jesus einigen Gruppen von Menschen „Seligkeit“. Die erste irdisch-ethische Aussage ist 5,5: „Selig, die keine Gewalt anwenden; /denn sie werden das Land erben.“ Die Gewaltfreiheit ist ein herausragendes Merkmal jesuischer Lehre. In 5,7 und 5,9 erfolgt das Lob der Barmherzigkeit und der Friedensliebe. 5,10 verspricht Lohn für die, die der Gerechtigkeit halber leiden: Ihnen kommt ganz besonderer Lohn im Jenseits zu, ihnen „gehört das Himmelreich“.

Die Friedensliebe wird dann in den Versen 5,21-22; 25 in sehr scharfen Worten zum äußerst wichtigen Wert erklärt; schon für das Bezeichnen eines Mitmenschen als „gottloser Narr“ soll der Übeltäter „dem Feuer der Hölle“ verfallen sein. Wenn ein Streit entsteht, soll unverzüglich Frieden geschlossen werden.

Der nächste Abschnitt (5,27-32) befasst sich mit der Sexual- und Ehemoral. Auch hier verschärft Jesus das „Du sollst nicht die Ehe brechen“: „Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“ Die außergewöhnliche ‚Innerlichkeit‘ jesuischer Moral wird noch zur Sprache kommen.

In den Versen 5,38-42 wird Jesu Jüngern eine völlige Duldsamkeit auferlegt; sie dürfen sich nicht nur nicht rächen, sondern nicht einmal gegen offenkundig unrechte Angriffe sich verteidigen. Die Liebe zu denen, die einem Unrecht tun, wird in 5,43-48 dann explizit vorgeschrieben.

6,1-4 verbietet das Prahlen mit der eigenen Rechtschaffenheit. Auch hierzu werde ich noch Worte verlieren.

Der Beginn des Kapitels 7 ist dem „Richten“ gewidmet: Die menschliche Schwäche findet hier ihren Ausdruck, es soll verboten sein, über andere zu urteilen. Ich interpretiere diese Stelle so, dass man seiner eigenen Rechtschaffenheit mehr Beachtung schenken soll als der der anderen, damit man nicht vor lauter Anklagen vergisst, sich selbst zu kontrollieren.

In 7,12 dann findet sich der Satz, der als „Goldene Regel“ bekannt wurde: „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten.“ Der zweite Teil ist ein Hinweis auf die zusammenfassende Eigenschaft, auf den Grundregel-Charakter dieses Satzes. Die Goldene Regel soll auch den Kern der Betrachtungen bilden.

Es gibt nun zwei wichtige Möglichkeiten, wie die Goldene Regel verstanden werden kann; die populärere ist diejenige, dass der reine, auf das eigene Wohl gerichtete Wunsch des Menschen die Erwartung darstellt. Sie kommt auch in einer anderen Übersetzung zum Tragen: „Alles nun, was immer ihr wollt, daß euch die Menschen tun sollen, also tut auch ihr ihnen; denn dies ist das Gesetz und die Propheten.“

Die andere, die der Übersetzer der ersten Möglichkeit wohl eher anstrebte, besteht in einer „objektivierten“ Erwartung: Man solle dasjenige tun, von dem man es generell für richtig halte, dass es der andere tue. Nicht der bloße Wunsch, sondern die generelle Vorstellung von Gut und Böse des Einzelnen bestimmt jetzt die ‚Erwartung‘.

Bevor wir diese beiden Möglichkeiten der Prüfung unterziehen, möchte ich noch ein Wort zur Innerlichkeit der jesuischen Moral verlieren: Nimmt man die Forderung, die eigenen Triebe und anderen Emotionen direkt zu beeinflussen, nicht als rhetorische Übertreibung (Hyperbel), so muss man konstatieren, dass hier ein unrealistisches Menschenbild besteht; niemand ist in der Lage, seine Gefühlswelt als solche zu beeinflussen, und schon der Versuch kann Schäden nach sich ziehen. Der Gegenstand der Ethik kann der menschlichen Natur wegen nur die Handlung sein, nicht aber der Gedanke oder gar das Gefühl.

Auch zum Verbot der Prahlerei mit eigener Rechtschaffenheit möchte ich noch etwas sagen; im heutigen Sinne ist die Frage der Prahlerei nicht mehr in der Sphäre von Gut und Böse, sondern in der des guten Stils befindlich. Wir empfinden das Prahlen nicht mehr als direkt unmoralisch, wohl aber als unangenehm und stillos.

Nun aber zur Prüfung.

Der erste Prüfstein – ein klassischer Diebstahl. A nimmt B einen wertvollen Gegenstand weg. In beiden Interpretationen der Goldenen Regel ist der Fall klar: Man kann nicht wünschen, dass man bestohlen werde, und noch viel weniger kann man das Stehlen von allen erwarten.

Interessant hieran ist lediglich der Aspekt der Verteidigung: Während es jedem natürlichen Moralempfinden sicherlich entspräche, sich angemessen gegen den Zugriff aufs Eigentum zu verteidigen, verbietet die Feindesliebe (unter dem Vorbehalt, sie sei keine Hyperbel) jede Verteidigung. Wenn man nun aber die zweite Interpretation heranzieht, so tritt sie mit dem Gedanken der Feindesliebe in Widerspruch: Man würde sicherlich generell erwarten wollen, dass ein potenziell Bestohlener sich gegen den Dieb zur Wehr setzt. Der egoistische Wunsch hingegen wäre, wenn man sich in die Position des Diebes versetzte, sicherlich der, dass der Bestohlene sich nicht wehre.

Hier schon zeigt sich die zentrale Schwäche der Wunsch-Interpretation der Goldenen Regel: Sobald man selbst fehlgeht, kehrt sich der Wunsch, der Verbrecher möge aufgehalten oder bestraft werden, ins Gegenteil…

Der zweite Prüfstein – es sind zwei Verletzte zu behandeln. Zwei Schwerverletzte bräuchten Behandlung, aber nur einer kann äußerer Umstände wegen tatsächlich behandelt werden. Hier verliert die Wunsch-Interpretation jeglichen inneren Zusammenhalt; denn als einer der Verletzten würde man sich wünschen, man selbst würde behandelt, wäre man aber der andere, so würde man sich dessen Behandlung wünschen, sodass mit dem reinen Wunsch hier keine befriedigende Antwort gefunden werden kann.

Auch die Erwartungsinterpretation ermöglicht keine einfache Entscheidungsfindung im Falle der Triage, aber sie fordert wenigstens nicht zwei sich ausschließende Dinge vom Handelnden. Das Einzige, was man als Erwartung an den Behandelnden formulieren könnte, wäre, den Verletzten zu behandeln, der die besseren Überlebenschancen hat. Über diesen Umweg wird ein Problem der Erwartungsmoral offenbar: Streng genommen ist die o.g. Empfehlung an den Behandelnden eine aus der Risikokalkulation, die nicht nach falsch oder richtig, sondern nach erfolgversprechend bzw. nicht erfolgversprechend fragt. Die Erwartung also kann nicht nur in Bezug auf ethische Fragen existieren, sondern auch in Bezug auf außerethische Erwägungen…

Der dritte Prüfstein – es sei in einem Land Tyrannei, was soll der der Goldenen Regel folgende tun?

Die Wunsch-Interpretation geht gänzlich fehl; versetzt man sich (was kaum möglich ist) in „den Staat“, evtl. als Tyrann personifziert, hinein, so wünscht man sich gewiss, dass die Bürger sich ruhig verhalten und sich nicht wehren. Sich in die Opfer zu versetzen, wäre falsch, denn sie sind Dritte in diesem Fall und nicht unmittelbar Ziel eigenen Handelns oder Nicht-Handelns. Betrachtet man aber die Befreiung der Unterdrückten von der Tyrannei, so wäre der Wunsch sicherlich, dass man selbst befreit werde – alles in allem also fordert auch hier diese Interpretation wieder zwei verschiedene Dinge.

Die ‚Erwartungsmoral‘ zeichnet ein erheblich klareres Bild; kaum eine instinktive Moralvorstellung würde von allen erwarten wollen, Tyrannei ruhig zu ertragen. Hier würde sicherlich das Aufstehen gegen den Staat gefordert werden.

Zusammengefasst also lässt sich sagen, dass die „Goldener-Wunsch-Regel“ sich durch ihre Unklarheit als unzweckmäßig erweist; allzu oft haben Handlungen mehrere Betroffene, und man weiß nicht, welchen man sich zur Identifikation herauspicken soll. Wenn man dann vom eigenen Fehltritt ausgeht, verliert die Regel endgültig ihre Nutzbarkeit.

Die ‚Erwartungsmoral‘ scheint auf den ersten Blick ausgezeichnet zu funktionieren; gräbt man aber tiefer, so trifft man auf ein Problem:

Sie ist ganz und gar tautologisch, sie bringt keine echten ethischen Aussagen hervor. Formalisiert lautet die Aussage jeder erwartungsmoralischen Entscheidung: „A soll man von allen erwarten, weil A richtig ist. A ist richtig, weil man es von allen erwartet.“, zusammengefasst: A, weil A weil A weil A… (ad infinitum). Um also ein tatsächliches moralisches Urteil zu bekommen, muss man den Schritt der Beurteilung (also was im konkret-inhaltlichen Sinne richtig/zu erwarten ist) außerhalb des Erwartungskonstrukts machen. Damit ist dieser „Erwartungsmaßstab“ eine bloße Anwendungsmethode schon vorher geschehener moralischer Beurteilung. Da aber die Ethik eben nur danach fragt, was konkret richtig oder falsch ist, ist die ‚Erwartungsmoral‘ auf ethischer Ebene nicht haltbar.

Die Nächstenliebe
(beispielhaft für alle Einzelwerte)

Oft wird die Nächstenliebe als der höchste christliche Wert gepriesen. Dies ist der Geist, der aus der wortlautnahen Interpretation gewisser Verse der Bergpredigt erwächst (nämlich die Verse 5,38ff nicht als Hyperbeln ansieht) – es ist gefordert, das Wohl Anderer in jedem Falle und immer über das eigene zu stellen.

Prüfstein 1 – ein Diebstahl ist natürlich alles andere als im Sinne der Nächstenliebe und daher verboten. Es tritt aber wieder das Problem auf, dass man sich gegen einen Dieb nicht wehren dürfte, da damit ja dessen Interessen verletzt würden. Man müsste den Diebstahl ruhig über sich ergehen lassen.

Prüfstein 2 – Wie schon bei den beiden Varianten der Goldenen Regel ist keine Beurteilung der ärztlichen Triage möglich, wieder wäre gefordert, beiden Verletzten zu helfen, auch wenn das unmöglich ist.

Prüfstein 3 – In der Tyrannei wird die Nächstenliebe zur Perversion; man dürfte nichts tun, was die Interessen des Tyrannen oder der von der Tyrannei Profitierenden beschädigte, zugleich müsste man aber den Opfern selbstlos helfen; dieser Spagat ist nicht einmal auf gedanklicher Ebene zu bewältigen – denn wenn man, um einigen zu helfen, sich dem Regime unterwirft, so wird man damit anderen schaden. Der Nächstenliebe-Gläubige ist ohne weitere Unterstützungswerte bzw. ohne Ausnahmen von der Regel nicht nur diesem, sondern jeglichem Unrecht hilflos ausgeliefert.

Es zeigt diese Analyse, dass jeder „Einzelwert“ (auch z.B. Barmherzigkeit, Rücksichtnahme etc) für sich genommen nicht funktionieren. Auch „Unterstützungswerte“ helfen diesem Problem nicht ab, denn nur kasuistisch, d.h. von Fall zu Fall, lässt sich der jeweils nötige Unterstützungswert finden, und selbst bei einer unübersehbaren Masse an Werten ließe sich immer noch ein Fall finden, wo sie sich widersprechen oder nicht ausreichen. Daher muss ein systematischer Ansatz an die Ethik die „Wertemoral“ verwerfen.

Andere christliche Quellen

Nach der Ursprungszeit, z.B. schon in den apostolischen Briefen, wurde implizit Konventionalität, d.h. das Festhalten an tradierten Ideen, als Weg zum richtigen Handeln gepredigt – so z.B. die von Paulus geäußerte und geforderte Diskriminierung der Frauen, die einer Überprüfung nach den Werten der Bergpredigt schon nicht standhielte, noch viel weniger aber einer wirklich systematischen Analyse. Im Mittelalter hatte sich diese Tendenz gefestigt und sie wurde als nützlich für die kirchlich und weltlich Herrschenden weiter fortgeführt; die starke Individualität und Unabhängigkeit von Traditionen, die zumindest in den Kernsätzen der Bergpredigt als intendiert vorausgesetzt werden kann, wurde bewusst verschwiegen, ihre Betonung wurde gar als Ketzerei gebrandmarkt.

Zu konventionellen Formen der Ethik wird es in einigen der nachfolgenden Beiträge noch Dinge zu sagen geben, deshalb hier nicht mehr an dieser Stelle.

Das war auch schon der Schluss dieses Beitrags. Ich hoffe, ich schaffe den nächsten in geringerem Abstand – dann wird es um die Ethik des Aristoteles gehen.

Advertisements
One Comment leave one →
  1. +vox+☧+pacis+ permalink
    6. April 2009 10:54 am

    schöne zusammenstellung. gute arbeit.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: