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OSI Layer 8 in Hessen

28. Januar 2008

Von einem „OSI Layer 8-Fehler“ sprechen IT-Fachleute gerne, wenn ein Fehler nicht bei der verwendeten Technologie selbst zu suchen ist, sondern beim (durch den im klassischen OSI-Schichtenmodell nichtexistenten „Layer 8“ symbolisierten) Benutzer. Fehler dieser Art äußern sich häufig durch Bedienfehler, Flüchtigkeitsfehler, Verhalten entgegen sämtlicher Sicherheitsregeln, komplette Selbstüberschätzung oder die Verwendung von vorne herein ungeeigneter Hard- und Software.

Den Beweis, dass diese Art Fehler nicht nur in Büros oder am heimischen Rechner auftritt, haben nun anscheinend die Verantwortlichen bei der Hessen-Wahl angetreten. Eine aktuelle Pressemeldung des vielfach Wahlbeobachter stellenden Chaos Computer Club zum Einsatz von Wahlcomputern in Hessen jedenfalls liest sich wie eine Mischung aus der neuesten Folge „Pleiten, Pech und Pannen“, einem dystopischen Science Fiction-Roman und einem der Beispiele Bruce Schneiers, wieso die meisten Menschen sich einfach im Umgang mit Technologie nicht sicherheitsbewusst verhalten können.

So ist es offenbar in vielen Fällen noch nicht einmal gelungen, die (bereits im Vorfeld wegen Manipulationsanfälligkeit und mangelnder Überprüfbarkeit der nur digital vorliegenden Ergebnisse in die Kritik geratenen) Wahlcomputer vor Manipulationen durch Dritte zu schützen. In mindestens einer Gemeinde wurden die Computer über Nacht in den Privatwohnungen von Parteimitgliedern gelagert. Dies sei „gängige Praxis“, bestätigten Mitarbeiter des Ordnungsamtes den Wahlbeobachtern. Alle neun Wahlcomputer der Gemeinde Niedernhausen seien privat gelagert worden. […] In zwei Wahllokalen waren Wahlbeobachter des CCC für längere Zeit alleine mit den bereits angelieferten Wahlcomputern, bevor der Wahlvorstand eintraf. Manipulationen hätten problemlos vorgenommen werden können, heißt es in der Pressemitteilung.

Glücklicherweise ist der Chaos Computer Club nur an der Beobachtung der Bedingungen bei der Wahl und dem politischen Einsatz gegen Wahlcomputer interessiert und nicht an deren Manipulation für kriminelle Zwecke. Aber es liegt auf der Hand, dass statt Angehörigen der Hackervereinigung auch Kriminelle die Möglichkeit hätten nutzen können. Sieht so ein Szenario aus, dem wir bei der Ausübung eines unserer wichtigsten demokratischen Rechte (nämlich dem Wahlrecht) voll und ganz vertrauen können?

Nicht genug damit, dass die Wahlcomputer offenbar alles andere als manipulationssicher daherkamen- in mindestens einem Fall hat eine dieser Maschinen noch nicht einmal funktioniert und damit den Ablauf der Wahl empfindlich gestört. Auch die Hürde für technisch eher unbewanderte Wähler wurde durch den Computereinsatz angehoben: Die Beobachtungen von über 50 interessierten Bürgern ergaben weiterhin, dass ein großer Teil der älteren Wähler entgegen den Behauptungen im Vorfeld der Wahl Probleme hatte, die Stimme an den Computern abzugeben. Viele waren so überfordert, dass Wahlhelfer ihnen bei der Stimmabgabe Hilfestellung geben mussten.

Besonders traurig an dieser ganzen Geschichte ist, dass überforderte Wahlvorstände offenbar versuchten, die Probleme mit der modernen Technologie unter der Decke zu halten- und dabei teilweise Verhaltensweisen an den Tag legten, die in einem Land wie dem unseren nun wirklich nichts zu suchen haben. Beim CCC liest sich das folgendermaßen: In Obertshausen wurde interessierten Bürgern das Betreten des Wahllokals durch einen Mitarbeiter des Ordnungsamts verweigert, sogar die Festnahme wurde den Beobachtern angedroht. „Von Offenheit und der rechtlich verbürgten Öffentlichkeit der Wahl hat der Wahlleiter von Obertshausen offenbar noch nichts gehört“, kommentierte CCC-Sprecher Dirk Engling. Schon im Vorfeld versuchten einige Wahlleiter, aktiv eine Wahlbeobachtung zu behindern.

Fazit dieser ganzen teuren, kontraproduktiven, peinlichen Aktion: Mit Stift und Zettel wäre das nicht passiert. Zwar bekenne ich mich als Informatikstudentin dazu, für das Studium und auch viele andere Tätigkeiten mit Vorliebe auf den Computer zurückzugreifen, aber es gibt Bereiche, in denen die „klassischen“ Old School-Methoden zumindest heute noch bei weitem überlegen sind. Wahlen sind ein solcher Fall. Stift und Zettel stürzen nicht ab (es sei denn vom Tisch, was aber meist ohne ernsthafte Folgen bleibt), können im Falle eines Verlustes problemlos neu beschafft werden und stellen auch die nette Oma von nebenan nicht vor unüberwindliche Hindernisse bei der Benutzung. Außerdem, und das ist so ziemlich der wichtigste Vorteil, ist es relativ problemlos zu erkennen, wenn der Wahlzettel, den man bekommt, schon irgendwo ein Kreuz hat. Wie dagegen stellt man fest, ob der Wahlcomputer, an dem man seiner Bürgerpflicht genüge tut, schon 2000 Stimmen für die Partei der anonymen Schokoladenliebhaber fest einprogrammiert hat? Und während, falls die mit klassischen Zetteln befassten Wahlhelfer einmal unter allzu krasser Dyskalkulie leiden sollten, wenigstens noch ein Nachzählen möglich ist, ist bei einem Wahlcomputer hinterher kaum noch feststellbar, ob alles bei der Wahl mit rechten Dingen zugegangen ist.

Nein, liebe Politiker- das war kein Glanz- und erst recht kein Heldenstück. Die flächendeckende Einführung von Wahlcomputern kann nach diesem Experiment getrost als auf der ganzen Linie gescheitert betrachtet werden. Auch wenn es den Herstellern dieser Geräte vielleicht nicht passt- Wahlcomputer sind teuer, benutzerunfreundlich und viel zu anfällig für kriminelles Verhalten. Insgesamt sind sie also mindestens so überflüssig wie Windows Vista (rangieren von der Verlässlichkeit her aber eher bei ungepatchtem Win 95 First Edition). Die einzig logische und sinnvolle Konsequenz aus dem ganzen Debakel wäre, keine weiteren Wahlcomputer zu ordern und von den bereits vorhandenen wieder auf tote Bäume downzugraden. Dann gäbe es wieder überprüfbare Wahlen ohne peinliche Technologiekatastrophen- und die Wahlverantwortlichen müssten sich nicht aus lauter Überforderung so unwürdig verhalten.

An dieser Stelle noch einmal meinen großen Respekt an die Mitglieder des CCC, die ihren freien Sonntag geopfert haben und live bei dem ganzen Spektakel dabei waren, um die Öffentlichkeit auf die vorliegenden Probleme aufmerksam zu machen. Im Gegensatz zu denjenigen, die diesen unsäglichen Pseudofortschritt zu verantworten haben, könnt ihr wirklich stolz auf euch sein!

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4 Kommentare leave one →
  1. 29. Januar 2008 8:25 am

    Der einzige Vorteil ‚funktionierender‘ Wahlcomputer wäre doch, dass die Ergebnisse schneller verfügbar sind. Aber kommt es da auf ein paar Stunden an?

  2. Annika permalink*
    29. Januar 2008 1:54 pm

    Nun, das ist eine gute Frage. Im Normalfall würde man sagen nein, Hauptsache das Ergebnis stimmt… was man mit herkömmlichen Methoden weit eher sicherstellen kann…

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