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Wieso Daten doch Schutz brauchen

26. Januar 2008

Unter dem Titel Daten brauchen keinen Schutz. Die können auf sich selbst aufpassen gibt es auf dem Schnipselfriedhof einen wie ich finde sehr interessanten und nachdenklich stimmenden Artikel zu lesen, in dem auch einige kritische Bemerkungen über die Datenschutzbewegung fallen. Ich habe diesen Artikel gelesen und darüber nachgedacht und möchte hier skizzieren, wieso ich trotz der vorgebrachten Argumente in den meisten Punkten anderer Meinung bin.

Da kann man auch gleich gegen die Kontinentaldrift demonstrieren. Daten und Informationen sind einfach da und es werden immer mehr und der Versuch, ihre Erfassung und Verbreitung zu begrenzen ist etwa so sinnvoll, wie es die Versuche waren, die Verbreitung von Büchern zu behindern, nachdem olle Gutenberg erstmal den Teufel aus der Flasche gelassen hatte. Viele Menschen machen sich wenig Gedanken um ihre Privatsphäre, heißt es dort mit Verweis auf die zunehmenden technischen Möglichkeiten. Die Bedenken, dass mit zusätzlichen technischen Möglichkeiten auch weitere Methoden der Überwachung kommen werden, teile ich; das ist schließlich einer der großen Punkte, auf die die Datenschutzbewegung momentan aufmerksam zu machen versucht. Je moderner die Technik ist, desto einfacher wird es, Daten zu erlangen, zu sammeln, zu durchsuchen und zu analysieren, und je einfacher das alles ist, desto mehr werden die Begehrlichkeiten im Bezug auf diese Daten wachsen. Manchmal ist angesichts dieser Entwicklung ein gewisser Pessimismus verständlich, wir sind schließlich alle nur Menschen- da können einem Vergleiche wie der mit der Kontinentaldrift (oder „da kann man genauso gut fordern, im Winter nicht mehr bei der Mahnwache zu frieren…“) schon einmal in den Kopf kommen.

Dabei allerdings übersieht man leicht einen entscheidenden Punkt: Technologie als solche ist nur ein Mittel zum Zweck. Sie hat keinen eigenen Willen, keine Eigeninitiative, sie ist weder gut noch böse. Es gibt keinen sachlichen Grund, sich der fortschreitenden technischen Entwicklung hilflos ausgeliefert zu fühlen. Letzten Endes bedeuten bessere technische Möglichkeiten für den Menschen lediglich eines: Mehr Macht und somit auch mehr Verantwortung- eine weitere Herausforderung. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn wir es schaffen, verantwortlich mit unseren Möglichkeiten umzugehen, muss alleine die Tatsache, dass wir einander rundumüberwachen könnten, nicht in die Katastrophe führen. Niemand wird schuldig, nur weil er theoretisch einem anderen Schaden zufügen könnte- und niemand in seinen Rechten eingeschränkt, weil es theoretisch jemanden gäbe, der die technischen Mittel dazu hätte (jedenfalls nicht, wenn der Betroffene weiß, dass die betreffende Person diese Mittel nicht nutzt). Letzten Endes läuft es also auf folgendes hinaus: Wenn wir Menschen schaffen, unsere gesellschaftlichen Probleme auf verantwortungsbewusste Art und Weise in den Griff zu bekommen, wird der reine technische Fortschritt uns nicht zum Orwell-Staat verdammen- und wenn wir spektakulär damit scheitern, haben wir das unserer eigenen Unfähigkeit zu verdanken und nicht toten Gegenständen wie Laptops, Kameras, Mikrofonen oder einem USB-Stick mit Schnüffelsoftware. So leicht dürfen wir es uns nicht machen.

Akzeptiert man aber, dass es sich hier um ein gesellschaftliches und politisches Problem handelt und nicht um ein technisches (oder aber um eine unausweichliche Katastrophe, auf die wir mit der Schicksalsergebenheit mittelalterlicher Kleinbauern nach der Begegnung mit dem Weltuntergangsprediger warten), bedeutet das in der Folge, dass wir das Problem an genau dieser Stelle angehen müssen: Indem wir uns engagieren, sei es in einer politischen Partei, einer Bürgerinitiative zum Thema, indem wir unsere Familie/Freunde/Kollegen aufklären oder auf irgendeine andere Art und Weise, die zu unserer jeweiligen Begabung und Lebenssituation passt. Machen wir uns keine Illusionen- ein Engagement in diesem Bereich ist manchmal sehr undankbar und wird durch den erwähnten technischen Fortschritt nicht gerade leichter. Aber das bedeutet weder, dass es keine Chance auf Erfolg gibt, noch, dass wir es uns leisten können, in Fatalismus zu verfallen. Und eines sollte man nicht vergessen- die Menschheit hat schon eine Menge Herausforderungen gemeistert. In der Geschichte hat es immer wieder Umbrüche gegeben, Neuerungen, die die Menschen zunächst erschreckten, und neue Möglichkeiten, die neben Chancen auch neue Verantwortung, Missbrauchsmöglichkeiten und Risiken boten. Und egal, was manche Pessimisten sagen mögen- ich finde, in letzter Konsequenz sind wir doch sehr weit gekommen. Eine Spezies, die es schafft, ein Konzept wie den demokratischen Rechtsstaat zu entwickeln und weitgehend aufrecht zu erhalten, kann weder abgrundtief schlecht noch erfolgsunfähig sein. Nun sind wir schlicht an einem Punkt, an dem dieser Rechtsstaat unser Engagement benötigt- ein Engagement, das wir optimistisch und ohne übertriebene Angst angehen sollten.

Nicht von der Hand zu weisen ist es, dass viele Menschen den Wert ihrer Privatsphäre noch nicht oder nur unzureichend begriffen haben. Das ist eine immense Herausforderung für diejenigen, die von eben diesem Wert überzeugt sind und andere dazu bringen wollen, ihre Rechte und deren Bedeutung zu kennen. Aber ist es jemals leicht, andere von einer Meinung, und sei sie noch so gut begründet und sinnvoll, zu überzeugen? Jeder, der das jemals mit einer politischen oder weltanschaulichen Idee versucht hat, wird nein sagen. Dieses Problem haben schon Millionen von Menschen im Laufe der Jahre gehabt- und viele von ihnen haben früher oder später einen Erfolg gehabt, von dem wir momentan nur träumen können. Übrigens bin ich durchaus der Meinung, dass das Bewusstsein für die Privatsphäre bereits zu wachsen beginnt. Ich jedenfalls werde in den letzten Monaten häufiger auf die Thematik angesprochen, oft von Menschen, die sich durchaus ihre Gedanken machen und ihre Privatsphäre schützen möchten. Achtet doch einmal auf die kleinen Zeichen des Erfolges, statt euch von der Größe der Herausforderung überwältigen zu lassen- gab es etwa nicht 30.000 Vollmachten für die Verfassungsbeschwerde gegen die Vorratsdatenspeicherung? Oder nehmt die völlig banalen Beispiele- wenn auf German Bash plötzlich über die Vorratsdatenspeicherung und in einer von mir nicht sehr geschätzten „Windows-User-Einsteiger-Computerzeitschrift“ über den Bundestrojaner gesprochen wird, zeigt das dann nicht, dass das Thema langsam in der Alltagskultur ankommt?

Die Daten sind da. Es gibt kein Zurück. Wir müssen uns entscheiden, wem sie gehören sollen – einer kleinen Elite oder allen– das ist eine Wahl, die ich so nicht zu akzeptieren bereit bin. Was wir brauchen, ist eine wirksame Kontrolle für die Eliten und eine Aufklärung von „allen“. Nur so kann es letzten Endes funktionieren. Ob das machbar ist, wissen wir nicht- aber es gibt gute Gründe, anzunehmen, dass die Alternativen alles andere als attraktiv sind. Ist es da nicht besser, ist es nicht geradezu unsere Pflicht, unser bestes zu versuchen, anstatt uns zwischen irgendwelchen vermeintlich „kleineren Übeln“ zu entscheiden?

Denn egal, wer die Daten hat- es wird uns beeinflussen, und zwar negativ. Sätzen wie Das gruslige an der Vorstellung einer Orwell’schen Zukunft ist doch vor allem die Tatsache, dass man der Beobachtung durch ein repressives System ausgesetzt ist, oder? kann ich beim besten Willen nicht zustimmen. Wenn jemand soviel Macht über uns hat, alles weiß, alles kontrollieren kann- dann wird jedes System zu einem repressiven, ob das nun von vorneherein beabsichtigt ist oder nicht. Es braucht keinen großen Bruder, der am Bildschirm sitzt und jede unserer Handlungen kontrolliert- unter der allgegenwärtigen Beobachtung, egal durch wen, ist unsere Freiheit auch ohne diese Institution eine reine Fiktion, denn auch wenn wir es theoretisch könnten- wir werden nicht mehr frei handeln. Statt dessen werden wir jede unserer Handlungen auf ihre Außenwirkung kontrollieren, werden ängstlich darauf bedacht sein, kein Aufsehen zu erregen, nicht aufzufallen, nicht irgendwie „anders“ zu sein- nicht wirklich frei zu sein. Wir werden letzten Endes zu unserem eigenen großen Bruder.

Aus diesem Grund bin ich der festen Ansicht, dass eine Gesellschaft ohne Privatsphäre nicht auf Dauer funktionieren kann. Und zwar nicht nur weil wir mit dem Glauben aufgewachsen sind, sie sei ein grundlegendes Menschenrecht. Weil wir daran gewöhnt sind sondern weil Freiheit, freies Denken, freies Handeln, freie Entfaltung unserer Persönlichkeit letzten Endes nicht denkbar ist ohne Privatsphäre, ohne einen Bereich, der nur uns gehört, und weil eine Gesellschaft, in der es keine Freiheit für ihre Mitglieder gibt, nicht auf Dauer funktionieren kann- jedenfalls nicht auf eine Art und Weise, die ein mit den Werten eines demokratischen Rechtsstaates aufgewachsener Mensch als in irgendeiner Form erstrebenswert bezeichnen könnte. Ganz genau deshalb brauchen unsere Daten und die unserer Mitmenschen unseren Schutz.

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5 Kommentare leave one →
  1. 26. Januar 2008 11:23 am

    Ich finde den Vergleich mit einem Buch und der derzeiten Datensammelflut überhaupt nicht angebracht. Es ist was ganz anderes in meinen Augen. Und wer sich mit den Satz „Daten und Informationen sind einfach da“ zufrieden gibt, hat die erste Schwelle, die Vermeidung der Sammlung, schon überwunden.

    Das ist ein Schritt in die falsche Richtung.
    Deine zwei letzten Absätze kann ich nur noch mal bekräftigen. Genau meine Meinung. Mit schwindender Anonymität entwickeln wir uns alle in eine Richtung. Wir werden unsere Freiheit nicht mehr so nutzen, wie man es gewöhnt war, ja wir werden sie sogar meiden. Jedenfalls wird es keine Ideale oder Außenseiter mehr geben. Wir werden alle die gleichen Denkweisen entwickeln über früh oder lang. Das führt zu intoleranten Meinungen und keiner Akzeptanz gegenüber Andersdenkenden. Was dies bedeutet mag ich mir nicht wirklich ausmalen.

  2. 26. Januar 2008 4:12 pm

    Sehr guter Artikel!
    Gruss,
    zeitcollector

  3. Annika permalink*
    26. Januar 2008 4:41 pm

    @Dienstbote: Ja, der Vergleich ist nicht ganz richtig, da der Buchdruck letzten Endes der Menschheit wesentlich mehr Vorteile als Nachteile gebracht hat- das dürfte bei der exzessiven Datensammelei eher anders sein, und dementsprechend ist die Motivation, dagegen vorzugehen, eine ganz andere.
    Zum Rest deines Statements: Genau darauf wollte ich hinaus… Intoleranz, Angst, übertriebene Anpassung, mit allen negativen Folgen, das ist für mich die bei weitem wahrscheinlichste Konsequenz, wenn die Entwicklung in Richtung extreme Überwachung so weiter geht.

    @zeitcollector: Sehr herzlichen Dank 😀 freut mich, dass es Dir gefällt, so etwas ist immer eine Motivation für mich.

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