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Der Wahlkampf – Pubertät der Parteien (eine Polemik)

24. Januar 2008

Der Wahlkampf – die ewige Pubertät der Parteien (eine Polemik)

Wir Menschen entwickeln uns bekanntlich in einem Zeitraum zu Erwachsenen, der mit unserer Geburt beginnt und etwa 20-25 Jahre später endet (enden sollte). Der Vorgang ist also zeitlich mehr oder weniger linear, auf ein Ziel hin ablaufend, also sogar teleologisch. Ganz anders scheint es sich mit Parteien zu verhalten, hier kann mit einiger Berechtigung von einer zirkulären Entwicklung gesprochen werden.

Wie kindlich treten sie auf, wenn sie in der Opposition sind oder Juniorpartner in einer Koalition! Da wird gezetert, blockiert und genervt, wie es ein den „Supernanny“-Episoden entsprungener fleischgewordener Familien-Alptraum von vier bis sechs Jahren nie und nimmer besser (oder vielmehr schlimmer) könnte. Vater Staat, vertreten von der Regierungsbank, hat alle Hände voll zu tun, die kleinen oder auch großen Racker zu bändigen – und kann, wie echte Eltern auch, sein Leben (seine Regierungszeit) nicht so gestalten, wie es ihm in den Kram passt, sondern das, was eine Regierung wählenswert/ein Leben lebenswert macht, bleibt auf der Strecke, der nervigen Kleinen wegen…

Und träumen können die Kleinen! Wie auch bei den echten Kindern freut man sich unglaublich darauf, dass sie groß werden und all die schönen Ideen, in die Realität verpflanzt, umsetzen… aber es soll nie dazu kommen, denn jedes Kind wird erwachsen, und die meisten nennenswerten Parteien werden eines Tages in die Regierung gewählt.

Regierungsparteien dagegen verhalten sich oft genug wie der Familienpatriarch, der seinerseits direkt dem Familienbild des 19. Jahrhunderts entsprungen zu sein scheint. Diese Parteien, meist die beiden großen Volksparteien, bieten ein Bild des „Erwachsenseins“ dar, dass man sich wünscht, sie wären im Kindergarten der Opposition verblieben. Ihre Lieblingsworte sind nicht mehr „der Mann auf der Straße“ (der bisher nicht einmal durch Kameraüberwachung öffentlicher Straßen gefunden werden konnte) oder „Wünsche und Hoffnungen der Bürger“ (derer, die sie gewählt haben), sondern jetzt „Alternativlosigkeit“ (ihre eigene nämlich), „entschlossenes Handeln“ (das immer dann, wenn es tatsächlich vorkommt, auf irgendeinem Wege zum Teufel geht) und dergleichen mehr Worthülsen. Der Patriarch (Struck, Beck, Merkel, Kauder) glaubt, er habe die alleinige Kompetenz zu allem und die Sachkenntnis über alles – und handelt dementsprechend. (ein glänzendes Beispiel später!) Tatsächliche Kenner einer Materie werden ignoriert oder mit dem Universalkillerbegriff „Bedenkenträger“ (müsste man nicht jemanden, der die sicherlich schweren Bedenken mit sich schleppt, ehren?) verunglimpft. Die Diskussion beschränkt sich dann zwischen „Eltern“ und „Kindern“ frei nach dem Motto „…denn nur Freunde kann man sich aussuchen“ auf das Hin- und Herreichen von Absichtserklärungen. Ein Beispieldialog, fiktiv und auf das Wesentliche beschränkt, aber mit den entsprechenden Begriffen leicht auf jedes Thema anzuwenden, jeweils mit der familienmäßigen Entsprechung:

Regierung: „Wir wollen das Hasenohrkürzungsgesetz.“

Vater: „Heute gibt es Kohlrouladen mit Bandnudeln.“

Opposition/Koalitionspartner: „Wir auch, aber nicht so. [Floskel à la „Mit uns nicht zu machen“ einfügen]“

Kinder: „Menno, Mittagessen ist gut, aber ich will Spirelli!“

Regierung: „Wir wollen das Hasenohrkürzungsgesetz, wie es vorliegt.“

Vater: „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt.“

Opposition: „Wir wollen es aber anders, da kann die Regierung noch so sehr rumbolzen.“

Kinder: „Ich will aber Spirelli!!“

Regierung: „Klappe zu, ich koch jetzt! Und wer nicht will, der hat schon.“

Vater: „Wir schreiten zur Abstimmung. Es besteht Fraktionsdisziplin.“

Ups. Vertauscht. Kann vorkommen, wenn die Essenzen der Sätze sich so ähnlich sind…

Soweit Kindheit und Erwachsenenalter der Parteien – schlimm genug, wenn ihr mich fragt. Aber es gibt noch etwas Schlimmeres… die Pubertät… vor die Wahl zwischen ewiger Verdammnis mit Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte und Fortdauern der Parteienpubertät gestellt, würde der Wähler (Wortwiederholungskasse füllt sich) wohl die Verdammnis wählen (Kasse füllt sich weiter).

Ich spreche von nichts anderem als dem W A H L K A M P F. Diese Pubertät vereint das Schlimmste aus Erwachsenenleben und Kindheit der Parteien, hier zeigt sich, wer Kind bleibt und wer Patriarch werden darf, es ist die Reifeprüfung, für die keine Reife notwendigerweise nachgewiesen werden muss, Musik, die von Lärm nicht zu unterscheiden ist, füllt die Zimmer und Redner, die von Schwätzern nicht zu unterscheiden sind, die Säle.

In der Pubertät grenzt man sich ab – die Eltern lassen schweren Herzens die Kinder Stück für Stück aus der Obhut, unter schweren Kämpfen versteht sich. Auch die Ehe leidet darunter (siehe große Koalition) – in einer Art inzestuösem Paarungsritual suchen die schwächeren Ehepartner nach einem eigenen Profil, die Kinder erfinden sich neu und versuchen herauszufinden, mit welchem der nun Geschiedenen sich am besten anbandeln ließe.

Eine Eigenheit der Pubertät ist die Übertreibung, die freiwillige Dummheit aus Simplizitäts- und Zweckgründen, die Aggressivität gegenüber denen, die das wahrhaftig nicht verdient haben, und schließlich: Die völlige Ignoranz gegenüber Argumenten.

Ein sehr schönes Beispiel für dieses Verhalten sind große Teile der aktuellen Debatte um Strafverschärfung für jugendliche Gewalttäter. Herr Roland Koch, hoffentlich-bald-nicht-mehr-Ministerpräsident von Hessen, versucht, sein Amt mit diesem Thema in letzter Minute zu retten. Er sucht sich seine Liebeleien am rechten Rand und zugleich am unteren Ende der intellektuellen Skala. Fachlichen Widerspruch (kürzlich von Richtern und Staatsanwälten einhellig gegeben) ignoriert er mit Verve. Ihm eigen ist auch die überschüssige Energie des Pubertierenden, er stürmt mit  Macht durch alles, was sich ihm entgegenstellt – ohne Sinn und Zweck, ohne Verstand in irgendeiner nachweisbaren Form… aber schnell. Hoffen wir, dass die Hessen klug genug sind, nicht darauf hereinzufallen und nach seiner endgültigen Selbstdemaskierung Andrea Ypsilanti eine Chance zu geben. Schlimmer kann sie nicht sein.

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2 Kommentare leave one →
  1. romanmoeller permalink
    25. Januar 2008 11:06 pm

    Klasse analysiert. Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen!

Trackbacks

  1. Kurz verlinkt (8) : SaarBreaker

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