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A II – Warum Ethik?

5. Dezember 2007
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Willkommen zur dritten Runde; auch diesmal werde ich euch mit meinen Satzschlangen peinigen und mein Bestes tun, meine Auffassung näherzubringen. Als einer von zwei bis drei (bis vier^^) Beiträgen in dieser Reihe ist dieser heute zum Teil metaphysischen, also theoretisch-philosophischen Inhalts, während der Rest der Reihe praktisch-philosophisch ist. Der eine oder andere mag allein von dieser „Drohung“ schon abgeschreckt werden – ich möchte aber doch dazu einladen, sich auch diesen Teil anzusehen, denn ich werde euch hier nicht mit Dogmen quälen oder euch in eine Sekte einführen. Wenn es nach mir geht, behaltet ihr eure Gehirne. 😉 Auf Anfragen von Lesern werde ich mich etwas ausführlicher als gedacht zu den letzten Begründungen der Ethik äußern, womit wir auch wieder in der Metaphysik landen.

 

Wenn man fragen will, warum es eine Ethik gibt bzw. warum es sie geben sollte, muss man zuerst nach der Begründung für die Moral fragen. (Differenzierung von Ethik und Moral in A I) Die Moral als persönliches Richtlinieninstrumentarium des Einzelnen – warum wird sie gebraucht? Warum braucht jeder eine Moral? Gibt es auch Menschen ohne Moral? Wieder einmal – Fragen über Fragen. 😉

 

Die Erklärung der Notwendigkeit, dass jeder eine Moral hat, scheint einfach zu sein. Wenn man einen Durchschnittsbürger fragt: „Warum sollte jeder gut handeln?“, so wird die Antwort in etwa lauten: „Weil sonst alle böse handeln.“ Diese Antwort aber gibt keine Antwort, sie ist tautologisch – sie sagt: „Moral ist nötig, weil Moral nötig ist.“ Begründet sich die Moral, begründet sich damit auch die Ethik selbst? Nein, behaupte ich, sie findet tiefere Gründe, wenn auch vielleicht keine letzten Gründe.

 

Für mein persönliches Verständnis ist das Modell bedeutend, dass wir Menschen Freiheitsgraden unterliegen; zur inneren und äußeren Freiheit siehe mein Beitrag „Freiheit ist Sicherheit – eine Betrachtung“, ich greife hier darauf zurück und spare mir eine Definition. Zum Verhältnis der beiden Sicherheiten fehlen jedoch noch einige Anmerkungen. Die äußere Freiheit beeinflusst in meinem Modell stark die innere; wer hungert, wird nicht klar denken können, wer gequält wird, wird vor Schmerz keinen klaren Gedanken fassen können. Ist aber eine innere Freiheit nur schwach gegeben, etwa durch eine Geisteskrankheit, so wird auch die äußere Freiheit darunter leiden – das aber ist nicht unser Thema.

 

Es scheint mir nun sinnvoll, in die Extreme zu gehen. Das eine Extrem, die totale innere Freiheit, ist ein Ideal, von uns nicht zu erreichen. Was ist aber der unfreieste Zustand, der für uns Menschen zu denken ist? Ich behaupte, die geringste Freiheit, die geringste Autonomie, ist der Tod – natürlich gibt es Theorien und Religionen, die jenseits des Sterbens eine freiere, bessere Existenz postulieren, aber wir wissen es nicht, können es nicht wissen. Jeder für sich sollte das Interesse haben, seine Freiheit zu steigern, weil, wie ich schon öfter erwähnte, nur in der Freiheit Menschen sind – keine Freiheit, kein Mensch (allerdings auch: Kein Mensch, keine Freiheit, denn diese ist keine abstrakte Gottheit, wie in „Freiheit ist Sicherheit – eine Betrachtung“ dargestellt).

 

Nun hat der Mensch aber auch eine zweite Bedingung: Er ist ohne Menschen, ohne andere seiner Art, nicht als Mensch zu denken. Das bedeutet: Der Mensch muss ein Interesse an seiner, aber auch an der Autonomie der anderen haben.

 

Und hier liegt nun die, genauer und bessergesagt meine Begründung der Ethik und damit der Moral: Die Regeln des menschlichen Zusammenlebens, wenn sie als Ethik gelten wollen, müssen der Beförderung der Freiheit der ihnen Unterliegenen dienen, nur so erhalten sie ihren Sinn, ihre Begründung.

 

Nun können wir die theoretische Philosophie wieder verlassen und uns der Frage zuwenden, warum wir nicht nur eine persönliche Moral, sondern auch eine Ethik als Zweig der Philosophie brauchen.

 

Ich denke, die Ethik ist nötig, weil die von jedem persönlich vertretene Moral zu sehr verhaftet ist in Tradition, und Tradition ist per definitionem unflexibel – darüber hinaus ist sie nicht dialogisch, also nicht reflektierbar, nicht nach dem möglichst guten Gedanken entwickelt, sondern funktioniert aus sich selbst heraus. Moral ist auch verhaftet im Gefühl, und das Gefühl ist unzuverlässig. Daher ist die Ethik als gemeinsame und damit wahrhaft menschliche, dialogische Reflexion der Moral, nötig für die Gemeinschaft der Menschen und damit unverzichtbar für den einzelnen Menschen. Es ist wichtig für meinen Begriff der Ethik, in ihre keine „vermasste Moral“ zu sehen, sondern eine wirkliche, aufrichtige Reflexion, „Bedenkung“ der Vielzahl der „vielen Moralen“. In diesem Sinne sind nicht alle vorzustellenden Konzepte Ethiken, ich will aber doch den Begriff für sie verwenden, um nicht die Masse an Begriffen, die wir verwenden und definieren müssen, noch zu steigern.

 

Bevor wir in die Betrachtung der ethischen Erscheinungen der Vergangenheit einsteigen, will ich noch drei Prüfsteine einführen, an denen wir die diversen vorgestellten Ethiken messen wollen.

 

Erster Prüfstein: Der Diebstahl. Wir stellen uns den einfachen Fall vor, dass ein Mensch dem anderen ein Stück Gold aus der Tasche nimmt. Wie ist die Sache ethisch zu bewerten?

 

Zweiter Prüfstein: Die ärztliche Triage. Es sind zwei Schwerverletzte vorhanden und es kann nur einer behandelt werden, einer muss sterben. Wie wird entschieden?

 

Dritter Prüfstein: Der Staat ist unfrei, eine Willkür- und Terrorherrschaft. Was soll der Mensch in dieser Lage tun?

 

Also los. Auf in die Geschichte der Ethik. Wir beginnen bei Adam und Eva – vielmehr bei der Ethik der christlichen Tradition.

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