Skip to content

Leere Versprechungen

1. Juli 2007

Großbritanniens frisch ernannter Premierminister Gordon Brown erlebt angesichts der in den letzten Tagen stattgefundenen Anschläge stressige erste Wochen seiner Amtszeit. Da ist es klar, dass man als Staatsmann reagieren und seine Linie der Bevölkerung klar machen muss. Dies hat Mr. Brown, wie tagesschau.de berichtet, nun getan.

Zunächst verurteilte Brown das Handeln der Terroristen mit den Worten: „[der Terrorismus] kann niemals als Akt religiösen Handelns gerechtfertigt werden. Er bleibt unter allen Umständen ein Akt des Bösen.“ Soweit hat Mr. Brown völlig recht. Diese Aussage wird niemand, auch kein Muslim, in Frage stellen, der an die Werte einer demokratischen, die Menschenrechte achtenden Gesellschaft glaubt. Manche Dinge sind nicht zu rechtfertigen. Das vorsätzliche Töten Unschuldiger, egal auf welche Art und Weise es nun geschieht, steht auf dieser Liste ganz oben.

Brown allerdings ließ Spekulationen über die Täter folgen, die schon weit schwerer nachzuvollziehen und zu verifizieren sind: Es sei klar, dass Großbritannien mit Leuten konfrontiert sei, die Verbindungen zum Terrornetzwerk Al Kaida hätten, so Brown weiter. Möglicherweise gibt es wirklich Beweise oder zumindest starke Indizien für diese Theorie. Das aber wissen wohl nur die zuständigen Ermittler und einige Regierungsvertreter. Für jeden anderen kommen eine Million möglicher (wenn auch unterschiedlich wahrscheinlicher) Szenarien in Frage- und leider weiß man, dass von offizieller Seite teilweise recht schnell eine Verbindung zu Al Kaida unterstellt wird, auch wenn die Beweise dafür alles andere als eindeutig sind. Es wäre schön, wenn man den Aussagen der Politiker in Fragen der inneren Sicherheit noch bedingungslos Glauben schenken könnte. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass das leider weder in Deutschland noch in Großbritannien der Fall ist.

Wenn die Anschläge eines gezeigt haben, dann die Tatsache, dass auch die extremsten Einschränkungen der Privatsphäre und der Freiheit nicht in der Lage sind, Terroranschläge auszuschließen. London ist die am stärksten videoüberwachte Stadt der Welt- dies aber mag zwar möglicherweise bei der Aufklärung von Vorfällen helfen, aber es hindert keine Terroristen daran, irgendwelche roten Knöpfe zu drücken. Auch im vorliegenden Fall ist es nach Medienberichten eher aufmerksamen Bürgern als den allgegenwärtigen Kameras zu verdanken, dass nichts schlimmeres passierte. Aber wahrscheinlich wird man die Geschehnisse trotzdem wieder in einen Triumph des Prinzips der „Suspect Nation“ umzumünzen versuchen und den britischen Bürgern weitere Einschränkungen ihrer Freiheit zumuten- und wird ihr Leben damit letzten Endes kaum sicherer machen, denn viele dieser Maßnahmen sind nicht nur freiheitsfeindlich sondern auch noch ineffektiv. Aber das ist einer Nation, die in Angst und Schrecken lebt, schwer zu vermitteln- die meisten Briten werden mittlerweile froh sein, dass ihre Regierung immer wieder ihr Interesse an der Sicherheit der Bürger betont. Auch wenn es ihr primär um Kontrolle geht.

Auch wenn Gordon Brown genau das vehement bestreitet. Statt dessen bekannte er sich zur Gelassenheit im Umgang mit der terroristischen Bedrohung und zum Feshalten an den Werten der westlichen Gesellschaft: Gleichzeitig betonte er die britische Unerschütterlichkeit. Großbritannien lasse sich nicht „einschüchtern“ und werde vor dem Terror nicht einknicken. Die Briten erlaubten niemandem, ihrer Lebensweise zu schaden.

Schöne Worte- allerdings deutet zum jetztigen Zeitpunkt nichts darauf hin, dass sie mehr sind als ein Lippenbekenntnis. Wer sich vor Augen führt, wie in Großbritannien in den letzten Jahren politische Entscheidungen getroffen wurden, dem wird schnell klar, dass von „Festhalten an der Lebensweise“ nicht die Rede sein kann- es sei denn, Brown will deshalb keine weiteren Verwandlungen, weil die Verwandlung in eine Nation von totalüberwachten Sicherheitsfanatikern zu einem Großteil schon stattgefunden hat. In einem Land, in dem für das Entkommen zweier Terrorverdächtiger auf die Schnelle „die Bürgerrechte“ (genauer gesagt deren Vorrang vor der Terrorismusbekämpfung) verantwortlich gemacht werden und das offenbar nur sehr wenige Leute, ob in der Regierung oder der Bevölkerung, zu stören scheint, kann es sich bei dem Ruf nach Furchtlosigkeit, gesundem Menschenverstand und der Beibehaltung einer offenen Gesellschaftsform lediglich um einen idealistischen Wunschtraum halten.

Selbst das aber ist bei Mr. Brown eher zu bezweifeln. Wenn er so an diesen Werten interessiert ist, wieso hat er sie dann in all den Jahren seiner Regierungsbeteiligung nie angemahnt? Genug Einfluss hätte er definitiv gehabt. Bisher aber sieht es eher so aus, als wäre er voll auf der bisher verfolgten Linie. So darf man seine Äußerungen wohl eher als Rhetorik abbuchen, mit der er in der öffentlichen Meinung zu steigen versucht. Es wäre Großbritannien und auch seinen europäischen Verbündeten zu wünschen, dass mehr an diesen Äußerungen ist, aber danach sieht es momentan nicht aus.

Zum Thema auch: Bedrohungen und Gefahren in UK (rabenhorst)

Advertisements
No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: