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Spy Kids

27. Juni 2007

In den USA hat man nun offenbar festgestellt, dass Universitäten aufgrund ihrer liberalen Einstellung und dem dort vorhandenen Wissen „nach Ansicht des FBI Spionageziele“ sind. Dies berichtet heise online.

Dagegen müssen natürlich in einem primär auf Sicherheit bedachten Staat Maßnahmen ergriffen werden. Wie so oft fängt man damit an, den Bürgern das Ausmaß der Bedrohungslage klarzumachen: „Im Rahmen des 2005 gestarteten Programms The College and University Security Effort (CAUSE) besuchen FBI-Agenten Hochschulen, um über Spionage und andere Bedrohungen der nationalen Sicherheit zu informieren und Maßnahmen dagegen vorzuschlagen.“ Es könnte ja auch mal passieren, dass die Studenten einfach nur die Freiheit an der Hochschule, das Unileben und die Gelegenheit, Neues zu lernen, genießen, anstatt darüber nachzudenken, dass wir angeblich alle „im Fadenkreuz des internationalen Terrorismus“ stehen. Eine solche Denkweise aber ist aus Sicht der Vertreter des Sicherheitsstaates, ob sie nun in der Politik, dem Militär oder wie hier den Ermittlungsbehörden sitzen, nicht mehr zeitgemäß. Ebenso wenig wie die Werte, die die Unis angeblich zu Zielscheiben machen.

Liest man die Berichte des FBI, kann man den Eindruck bekommen, als wären Universitäten ein einziger krimineller Sumpf, bei dem man sich wundern muss, dass so viele Studenten unbeschadet ihren Abschluss machen: „Ausländische Geheimdienste und Unternehmen seien vermehrt am Diebstahl von Forschungsergebnissen und geistigem Eigentum interessiert und schleusten Studenten oder Besucher als Spione ein, meint man beim FBI. Terroristen und Kriminelle suchten nach neuen Techniken und wissenschaftlichen Durchbrüchen, um sie gegen die USA einzusetzen, gewalttätige Extremisten schlüpften unter dem Deckmantel von Studentenvisa unentdeckt ins Land, und Hacker griffen Computernetze an, um Geheimnisse, Forschungsergebnisse und persönliche Daten zu stehlen.“

Da kann man ja wirklich froh sein, dass die edlen Ritter vom FBI offenbar so sehr um die Sicherheit der Studenten besorgt sind. „Um vor dem überall lauernden Bösen zu warnen, haben FBI-Agenten in letzter Zeit bereits einige der führenden Universitäten wie das MIT, das Boston College oder die University of Massachusetts besucht, gab der Leiter des FBI-Büros in Boston bekannt. Besuche an weiteren Hochschulen seien geplant,“ berichtet heise.

Man darf also befürchten, dass auch an den Unis zunehmend der Überwachungsstaat Einzug halten wird. Als wären sie ein Mikrokosmos der gesamten Gesellschaft werden auch sie zunehmend auf die selbe Weise verwandelt wie das größere Ganze: Zunächst macht man eine angebliche terroristische und kriminelle Bedrohung ausfindig und untermauert diese mit mehr oder weniger fundierten Theorien und Indizien. Anschließend wird Angst gesäht unter den Leuten, damit sie sich so sehr Schutz und Sicherheit wünschen, dass sie notfalls auf ihre Bürgerrechte zu verzichten bereit sind, und als nächstes kommen ganz handfeste Überwachungsmaßnahmen und Einschränkungen der Rechte.

In dieses Bild passt auch die vom FBI offenbar ohne größere Bedenken angestrebte Förderung des Denunziantentums unter den Studenten. „Die FBI-Agenten wollen das Universitätspersonal, die Studenten und die Sicherheitskräfte über „Spionageindikatoren“ aufklären, ähnlich wie die dies auch in Behörden gemacht wird, beispielsweise mit Hinweisen auf verdächtiges Verhalten in der Broschüre Your Role in Combating the Insider Threat.“

Studenten, Dozenten und Angestellte sollen also fleißig die Augen offen halten, ob sich jemand „verdächtig“ verhält. Natürlich versucht man dies beim FBI abzuwiegeln und als normal darzustellen: „Lucia Ziobro, zuständig für Spionageabwehr beim FBI, erklärt, dass man mit dem Programm keine Menschen in den Universitäten anwerben oder Agenten in sie einschleusen wolle. FBI-Agent Warren Bamford versichert dem Boston Globe, dass man nicht in die Universitäten mit der Absicht gehe, „den freien Informationsfluss zu stoppen. Die akademische Gemeinschaft muss offen sein. Wir müssen sie nur darüber aufklären, dass es Menschen gibt, die Beziehungen aufnehmen wollen, um an Geheimnisse heranzukommen“. Na dann braucht man sich ja keine Sorgen zu machen- vorausgesetzt man glaubt noch, dass bestimmte Maßnahmen „halb so schlimm sind“, „nur der Sicherheit dienen“ oder „garantiert verfassungskonform sind“. Möglicherweise tut es ja ab dem 10.000sten Mal wirklich nicht mehr weh. So weit aber sollte man es auf gar keinen Fall kommen lassen.

Die „Spionageindikatoren“, die das FBI angibt, sind dabei besorgniserregend vage. „Nach den „Spionageindikatoren“ für Behörden könnte derjenige an Universitäten verdächtig sein, der heimlich ins Ausland reist, sich für Dinge interessiert, die nichts mit seiner Tätigkeit zu tun haben, zu ungewöhnlichen Zeiten arbeitet, sich heimlich mit Ausländern trifft oder plötzlich mehr Geld hat,“ so heise. Nach diesen Indikatoren müsste ich mich eigentlich auf der Stelle selbst verhaften- ich interessiere mich für sehr viele Dinge außerhalb meines Studiums, arbeite bevorzugt in der „Geek-Zeitzone“ (aka Nachtschicht, 5 oder 6 Uhr kann es schonmal werden) und habe teilweise unregelmäßige Jobs, nach denen ich „plötzlich mehr Geld“ habe. Und ich habe noch nie mit dem Gedanken gespielt, Terroranschläge zu begehen. Merkwürdig, oder?

Derartige „Schulungen“ können, wenn die Geschulten entsprechend anfällig dafür sind, sehr leicht in ungezügelte Paranoia führen und somit auch an den Universitäten genau das zerstören, was wir eigentlich gegen die Terroristen verteidigen sollten: Unsere Freiheit, der freie Zugang zu Wissen und unsere tolerante, liberale Denkweise.

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