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/dev/null die Zweite

26. Juni 2007

Einen Tag nach dem Bekanntwerden des großflächigen Datenverlustes beim Zentrum für Nachrichtenwesen der Bundeswehr (tagesschau-Meldung hier) ist eine lebhafte öffentliche Diskussion im Gange, ob die massenhafte Vernichtung wichtiger Daten aus den Jahren 1999 bis 2003 wirklich zufällig als Folge technischer Probleme erfolgte.

Die meisten IT-Spezialisten scheinen sich einig zu sein, dass ein derartiges Ausmaß an Inkompetenz an derart prominenter Stelle mehr als unwahrscheinlich ist- eine Meinung, die ich persönlich teile. Nur ein (!) Backup des Datenbestandes zu machen, die Originaldaten zu löschen und das Backup offenbar so schlecht zu lagern, dass es unlesbar ist, wäre schon mehr als fahrlässig. Jedes Unternehmen, das sich einen derartigen Fauxpas erlaubt, bekäme ernsthafte Probleme mit den Behörden, die gewisse Mindeststandards in punkto Datensicherheit vorschreiben- ganz zu schweigen davon, dass wahrscheinlich kein Kunde mehr mit dieser Firma Geschäfte machen wollte, sobald deren Praxis im Umgang mit den Daten bekannt wird.

Will man uns wirklich erzählen, dass in einer staatlichen Organisation mit nicht unerheblichen finanziellen Mitteln, für die das Beschaffen, Archivieren und Auswerten von Informationen Hauptaufgabe ist, noch nicht einmal die Standards eines beliebigen mittelständischen Unternehmens gelten? Dass es im ganzen Zentrum keinen IT-Profi gibt, der weiß, wie eine halbwegs sinnvolle Backup-Lösung auszusehen hat? Selten so gelacht. In einer Zeit, in der dreiste Lügen leider zunehmend zum politischen Alltag gehören, ist diese besonders unglaubwürdig.

Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass mit keinem Wort erwähnt wird, dass man versucht hat, die Daten zu retten. Wie gesagt- wenn ich einen Datenträger mit einer großen Menge sehr wichtiger Informationen hätte und plötzlich feststellen würde, dass ich diesen nicht mehr lesen kann, würde ich damit definitiv zu einem Forensiker beziehungsweise einem Experten für Datenrettung gehen. Sowas ist zwar teuer, wäre aber eine sinnvollere Verwendung von Steuergeldern als die zehntausendste Überwachungskamera, und in aller Regel haben diese Leute bei ihrer Arbeit Erfolg. In der Blogosphäre war zu lesen, dass sogar Datenträger, die in Kontakt mit Säure oder Ähnlichem gekommen sind, meist noch zumindest teilweise zu lesen sind. Bei den Bändern der Bundeswehr lag aber allem Anschein nach „nur“ ein Problem durch falsche Lagerung oder schlechte Materialqualität vor (mal vorausgesetzt, dass dieses Problem überhaupt existierte, was ich wie gesagt bezweifle). Wie gesagt: Hätte man die Daten wirklich retten wollen, wäre das nach meinem Dafürhalten zumindest mit einem Teil auch gelungen. Aber was macht man stattdessen: Man geht hin und vernichtet die betreffenden Tapes- die einzige wirklich sichere Methode, eine Wiederherstellung zu verhindern.

Es sieht also ganz so aus, als hätte man die Daten vorsätzlich loswerden wollen (es sei denn man ist bereit zu akzeptieren, dass im ZNBw nur Leute unterhalb des Kompetenzniveaus durchschnittlicher Informatik-Studenten arbeiten, die auch nicht den Verstand haben, Aufgaben an Experten zu delegieren). Da stellt sich natürlich die Frage warum.

Ein erster heißer Kandidat als Auslöser für diesen Anfall von spontanem Formatierungssyndrom ist, wie bereits gestern erwähnt, der Fall Murat Kurnaz. Kurnaz beschuldigt Soldaten der Bundeswehr-Spezialeinheit KSK, ihn Anfang 2002 in Afghanistan misshandelt zu haben, weswegen jetzt gegen die entsprechenden Stellen ermittelt wird. Das Fehlen der entsprechenden Bundeswehr-Unterlagen könnte diesen Prozess durchaus ernsthaft behindern- was den darin verwickelten Soldaten und ihren Vorgesetzten (vorausgesetzt die Anschuldigungen entsprechen der Wahrheit, wofür es aber durchaus einige Indizien gibt) wahrscheinlich nur recht ist.

Möglicherweise aber gibt es noch weitere Vorfälle, über die man in der Bundeswehr gerne den Mantel des Schweigens breiten möchte. Dies berichtet tagesschau.de in einem heute Morgen erschienenen Artikel. Hierin heißt es: „Zu den abhanden gekommenen Daten der Bundeswehr gehören einem Zeitungsbericht zufolge auch Unterlagen über die Beteiligung deutscher Geheimdienstmitarbeiter an Verhören in geheimen US-Gefängnissen. Die „Berliner Zeitung“ berichtet, es seien auch Unterlagen aus einem US-Geheimgefängnis im bosnischen Tuzla verschwunden. Dort wurden vermutlich vor und nach den Terror-Anschlägen vom 11. September 2001 Terrorverdächtige festgehalten und zum Teil misshandelt. An den Verhören in Tuzla seien zumindest im Jahr 2001 auch Offiziere des deutschen Militärischen Abschirmdienstes (MAD) widerrechtlich beteiligt gewesen, schreibt die Zeitung unter Berufung auf einen BND-Bericht. Ein Sicherheitsexperte sagte dem Blatt: „Dass die Informationen weg sind, dürfte einige Verantwortliche von damals erleichtern.““

Angesichts eines derart deutlichen Motives, belastendes Material verschwinden zu lassen, fällt es schon schwer, an einen Zufall zu glauben. Weit wahrscheinlicher ist es da, dass man sich eklatante Verstöße gegen die Menschenrechte zuschulden kommen ließ und nun auch noch zu feige ist, sich der Verantwortung zu stellen. Man kann nur hoffen, dass dieser Versuch, dass Volk für dumm zu verkaufen und mit absolut inakzeptablen Handlungen durchzukommen, nicht von Erfolg gekrönt ist. Alles andere würde ein schlechtes Licht auf die Bundeswehr und letzten Endes auch auf Deutschland werfen- weit mehr als es ein Anfall von informationstechnischer Inkompetenz jemals könnte.

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3 Kommentare leave one →
  1. etiennerheindahlen permalink
    26. Juni 2007 3:03 pm

    Was ist bitte ein „Datensicherungs-Roboter“ ?
    Wird von wirklich sicherheitsrelevanten Daten nur ein einziges Back-Up erstellt?
    Stünden in Fällen, in denen erhebliche Sicherheitsbelange der Bundesrepublik gefährdet sind, der Bundesregierung nicht alle Ressourcen zum Beispiel international führender IT-Forschungsinstitute (Universitäten und Privatunternehmen) zur Verfügung?
    Versehen im ZNBw nur Wehrpflichtige ihren Dienst, die vermutlich mit ihren flickr-Galerien, „Counter Strike“-Accounts und Musicdownloads sorgfältiger umgehen als mit den Daten einer „Interventions-Armee“, deren Planungen und Strategien sich schon seit gut einem Jahrzehnt am von den USA vorgegebenen Standard der „digitized warfares & battlefields“ orientieren (müssen)?
    Enthalten die vom BMVg veröffentlichten Stellungnahmen auch nur ein Bit Wahrheit?
    Wer schützt uns eigentlich vor den politisch am Grundgesetz sowie an allen parlamentarisch-demokratischen vorbei handelnden offensichtlich Unverantwortlichen?
    Beinhaltet dieser Fall nicht qua Gesetz einen Ermittlungsauftrag seitens der Bundesanwaltschaft?
    Jedem illegalen MP3-Downloader werden gelöschte Festplatten-Daten und -Protokolle sowie Verbindungsdaten bis auf Jahre zurück rekonstruiert. Sofern ein Strafverfolgungsinteresse besteht.
    Ich bin sprachlos angesichts der Chuzpe, mit der „von Amts wegen“ unsere Demokratie ausgehebelt wird.

  2. 26. Juni 2007 4:52 pm

    Ich kann auch nicht mehr wirklich an einen bloßen Zufall glauben. Dafür kommen zuviele Dinge zusammen beim ZNBw und ihrem Computersystem JASMIN. In Zusammenschau mit den angegebenen Daten erscheint es mehr nach „Bundeslöschtagen“.

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