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/dev/null und die BW

25. Juni 2007

Beim Zentrum für Nachrichtenwesen der Bundeswehr (ZNBw), der „zentralen Dienststelle der Bundeswehr zur Feststellung, Analyse und Bewertung der militärischen und politischen Lage anderer Staaten sowie der militärischen Sicherheitslage der Bundesrepublik Deutschland“ (Wikipedia) ist es offenbar zu erheblichem Datenverlust gekommen (Möglicherweise haben ja auch ein paar der Nullen und Einsen einen Selbstmordanschlag verübt, wer weiß das heutzutage schon so genau- oder sie haben einfach zuviel „Lemmings“ gezockt).

„Die Auskünfte stammen aus dem Lagezentrum des ZNBws – tief unter der Erde, in einem sechsstöckigem Bunker, werden im Schichtbetrieb an 365 Tagen im Jahr geheime Berichte aus aller Welt gesammelt. Die Meldungen werden von Bundeswehrsoldaten im Auslandseinsatz, den deutschen Militärattachés, vom Bundesnachrichtendienst, Auswärtigen Amt sowie von anderen deutschen Ministerien und Behörden nach Grafschaft-Gelsdorf geschickt. Auch Nato- und EU-Streitkräfte steuern Informationen bei. Seit 1998 sind diese Daten – immerhin bis zum Verschlussgrad „geheim“ – in einem Computersystem namens „Jasmin“ (Joint Analysis System Military Intelligence) gespeichert.“ berichtet tagesschau.de.

Genau dieses „Jasmin“-System war nun Schauplatz des massenhaften Übergangs von brisanten Daten ins digitale Nirvana. Betroffen sind vor allem Daten, „die in den Jahren 1999 bis 2003 aus den Einsatzgebieten gewonnen wurden“. Dies umfasst unter anderem Ex-Jugoslawien und Afghanistan.

Das Szenario, das die Verantwortlichen als Begründung für den Datenverlust anführen, klingt, vorsichtig ausgedrückt, erstaunlich:„Die Bundeswehr erklärt den Vorfall mit technischen Mängeln: „Jasmin“ sei bereits wenige Jahre nach Integration in den Dienstbetrieb an die Grenze der Speicherkapazität gekommen. Auch hätten Einzelkomponenten „ihre technische Lebenserwartung“ erreicht. Deshalb sei im Jahr 2004 der Versuch unternommen worden, die Leistungsfähigkeit des Systems zu verbessern. Dafür seien nicht mehr benötigte Daten außerhalb von „Jasmin“ auf Bändern archiviert worden. Nach Darstellung der Bundeswehr stellte sich jedoch bald heraus, dass die Informationen nicht mehr lesbar waren.“ so berichtet die tagesschau.

Jedem, der sich ein bisschen mit der Materie auskennt, stellt sich da die Frage, wie so etwas passieren kann. In Rechenzentren ist es seit Jahren gängige Praxis, Daten nach Ablauf einer gewissen Frist auf Magnetbändern zu archivieren. Von einem Datenverlust dieses Ausmaßes hört man eigentlich nicht. Wenn die Tapes vernünftig aufbewahrt und gelegentlich umkopiert werden, sollte eine Speicherdauer gewährleistet sein, die die von Datenträgern wie Festplatten oder DVDs um einiges übertrifft.

Möchte sich jemand wirklich vorstellen, was passieren würde, wenn Magnetbänder sich auf einmal als unzuverlässiges Speichermedium herausstellen? Ich nicht. Eine Menge namhafte Firmen und so ziemlich jeder Serverhoster hätten ein ernsthaftes Problem. Dementsprechend kann man davon ausgehen, dass diese Technik umfassend getestet ist. Kein Mensch würde seine wichtigen Daten auf einem Medium sichern, bei dem er davon ausgehen muss, dass sie plötzlich verloren gehen. Trotzdem sind Magnetbänder für Langzeit-Archivierung akzeptierter Standard- und haben sich bei der Bundeswehr angeblich massenhaft selbst gelöscht. Merkwürdig, oder?

Die normale Reaktion wäre doch nun, einen Forensiker mit der Materie zu beschäftigen, damit dieser die Ursache des Fehlers feststellt (schließlich will man doch in Zukunft nicht das selbe Problem haben- oder?) und versucht, die Daten wiederherzustellen. Das zumindest täte jedes Unternehmen. Nicht so die Bundeswehr: „““Entsprechend der gültigen Vorschriften zum Umgang mit Verschlusssachen wurden die nicht mehr lesbaren Kassetten am 4. Juli 2005 vernichtet“, heißt es in dem Schreiben, das tagesschau.de und Report Mainz vorliegt.“

Wie praktisch. Keine Daten, keine Beweise. Drängt sich hier nicht irgendwie der Verdacht auf, dass man nicht allzu scharf darauf ist, die auf den Bändern gespeicherten Daten zur Verfügung zu haben? Sicher wissen wird man es nun wohl, mangels physischer Beweise, nie können, aber das Verhalten der Bundeswehr in diesem Fall ist doch nun wirklich mehr als verdächtig. Was soll den Kontrollorganen (Politik, Gerichte, Öffentlichkeit) hier vorenthalten werden?

Eine mögliche Antwort liefert tagesschau.de in ihrem Bericht gleich mit: „Akut betroffen sei der Fall des Bremer Türken Murat Kurnaz. Kurnaz beschuldigt Soldaten der Bundeswehr-Spezialeinheit KSK, ihn Anfang 2002 in Afghanistan misshandelt zu haben.“ Da drängt sich doch irgendwie der Verdacht auf, dass an den Anschuldigungen möglicherweise etwas dran ist und man sich nun einer möglichen Strafverfolgung entziehen will. Die Bundeswehr wäre ja nicht der Erste, der angesichts drohenden Unheils mal schnell Beweise verschwinden lässt (wie war das noch bei Blogger-Kollege Udo Vetter auf dem 23C3? „Dann kam die Polizei und wunderte sich, dass mitten im Hochsommer im Kamin ein Feuer brannte…“).

Allerdings könnten so auch andere wichtige Prozesse möglicherweise erschwert werden: „“Der Verlust ist auch mit Blick auf die UN-Prozesse in Den Haag wegen Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien bedeutend. Immerhin ist die Bundeswehr auf dem Balkan seit rund zwölf Jahren dauerhaft im Einsatz. In so langer Zeit kommen Informationen zusammen, deren Bedeutung häufig erst viel später deutlich wird“, erläutert Militärexperte Otfried Nassauer, Leiter des Friedensforschungsinstitus „Bits“.

Ein ausgewachsener Skandal also, bei dem die offizielle Version wahrscheinlich kaum jemand so recht glauben kann. Es wird sich zeigen, wie man damit nun von offizieller Seite umgeht. Näheres gibt es heute Abend bei „Report Mainz“ zu sehen.

UPDATE: Mittlerweile sind die Vorfälle auch heise online eine Meldung wert; hier scheint man allerdings von einer Panne beziehungsweise Schlamperei auszugehen. Auch das law blog hat eine Notiz zum Thema.

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