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Paradox

4. Juni 2007

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble hat sich auf der internationalen IT-Sicherheitskonferenz „Innovation und Verantwortung“ in Berlin für eine Verbesserung der IT-Sicherheit in Deutschland ausgesprochen. Er wolle einen „sicheren Kommunikationsraum schaffen“, so Schäuble laut heise News.

Das Anliegen ist löblich; längst zeichnet sich ab, dass angesichts immer weiterer Viren-, Trojaner- und Spamwellen, massenhafter Betriebsspionage über elektronische Wege und der ständigen Gefahr, mit einem schlecht abgesicherten PC demnächst Ehrenmitglied eines chinesischen Botnets zu werden, dringender Handlungsbedarf besteht. Das Sicherheitsbewusstsein der User muss gestärkt werden und es muss endlich vernünftige und umsetzbare Sicherheitskonzepte für alle geben. Ab und zu auf die Experten zu hören würde vielleicht auch nicht schaden (Admins und gerade IT-Sicherheitsleute werden ja oft erst gefragt, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist).

Die Konzepte, die Wolfgang Schäuble entwickelt, lassen aber einmal mehr Hintergedanken vermuten. Da ist beispielsweise von „europaweit standardisierter Online-Identifizierung“ die Rede, was doch wieder sehr nach ständigen Kontroll- und Überwachungsmöglichkeiten klingt.

Schäuble hat in diesem Vortrag sehr viele wichtige und richtige Dinge gesagt. So ist ihm beispielsweise zuzustimmen, dass die mittlerweile für ein funktionierendes öffentliches Leben unerlässliche Infrastruktur des Internets besser geschützt werden muss. Auch die Unternehmen müssen, wie Schäuble es fordert, hierbei weit mehr in die Pflicht genommen werden. Selbst „total disclosure“ wurde von ihm kurz erwähnt.

Paradox wird es dann allerdings, wenn man sich ins Gedächtnis ruft, dass der selbe Mann die Online-Durchsuchung durchsetzen will, die einerseits das Vertrauen vieler Menschen in elektronische Arbeitsmittel und Kommunikationswege nachhaltig verringern dürfte und andererseits permanent im Verdacht steht, möglicherweise die Sicherheit der betroffenen Systeme dauerhaft zu kompromittieren. Oder wenn man sich überlegt, dass Schäuble einer Regierung angehört, die durch das pauschale und wenig durchdachte „Hackertool-Verbot“ (§202c StGB, mehr Infos hier) die Arbeit eben jener Leute erschwert, auf die er zur Umsetzung seiner Pläne dringend angewiesen ist- Software-Entwickler, Admins und IT-Sicherheits-Experten. Und wie sieht es mit der Vorratsdatenspeicherung aus, Herr Schäuble? Denken Sie wirklich, eine solche pauschale Überwachung, die Unterstellung, dass jeder, der das Internet nutzt, ein potentieller Verbrecher ist und dementsprechend kontrolliert werden muss, erhöht das Vertrauen der Menschen in das Internet und lässt es sie ihre Daten dem Netz „ebenso gerne wie der Post“ anvertrauen? Ein Brief steckt normalerweise in einem geschlossenen Umschlag, und auch wenn gerade Ihre Regierung wohl ab und zu auch Post liest, die sie nichts angeht, wird wenigstens nirgendwo erfasst, wer genau wann wem einen Brief geschrieben hat.

Mal ehrlich, wie geht das alles zusammen? Einen Kurs in Doppeldenk gehabt, Herr Minister?

Da fragt man sich doch, was Bruce Schneier zu einer solchen Denkweise sagen würde. Auch er spricht sich in seinem Buch „Secrets and Lies“ (das ich übrigens an dieser Stelle jedem an der Thematik Interessierten wärmstens empfehlen möchte) für eine maßgebliche Verbesserung der IT-Sicherheit aus (und stellt dazu auch sehr umfassende Konzepte vor)- und versucht außerdem immer wieder, in eindrucksvoller Form den Wert der Privatsphäre deutlich zu machen.

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One Comment leave one →
  1. 4. Juni 2007 8:35 pm

    Das Schäuble das Internet sicherer machen will, ist an sich eine sehr gute Sache, aber wenn ich dann daran denke, dass er atm auch noch versucht die (für verfassungswidrig erkläre) Online-Durchsuchung mit einer Grundgesetzänderung durchzubringen, dann bekomme ich Bauchschmerzen und mir dreht sich der Magen um.

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