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Ignoranz ist Stärke?

25. Mai 2007

Das Gefühl, dass sie den Roman „1984“ etwas zu wörtlich genommen haben, hatte man bei den Mitgliedern unserer Regierung ja schon des Öfteren. In den letzten Tagen bekam man allerdings fast schon den Eindruck, dass sie besagtes Werk als Step-by-Step-Anleitung genutzt haben.
Momentan ist man wohl an der Stelle angekommen, an der steht, dass allzu gut informierte Bürger auf jeden Fall gefährlich sind- oder wie sonst ist es zu erklären, dass unsere sehr geschätzten Staatsoberhäupter nicht nur klammheimlich den von Teilen der IT-Branche mit Schrecken erwarteten „Hackertool-Paragraphen“ samt Gefolge so schnell wie möglich in Kraft setzen wollen (siehe den entsprechenden Artikel bei heise News), sondern in Zusammenarbeit mit der EU auch gleich noch ein weiteres Gesetz als Zugabe liefern, nach dem das „Verbreiten von Anleitungen zum Bombenbau“ ebenfalls strafbar sein soll?
Nun möchte ich weder irgendwelche Webserver hacken noch Bomben basteln, und ich nehme an, den meisten meiner Leser geht es nicht anders. Trotzdem greift das reflexartige „wer nicht kriminell ist hat nichts zu befürchten“ hier eindeutig zu kurz. Ganz abgesehen davon, dass es Personen gibt, bei denen der Einsatz von „Hackertools“ zum täglichen Job gehört (Was ist z.B. mit Pentestern, oder einfach Admins, die ihr System sicherer machen wollen und dazu wissen wollen, womit der Gegner antritt? Was ist mit Informatikstudenten; sollen die demnächst IT Security durch Häkeln und Stricken lernen? Oder gleich wie in Harry Potter Band 5 bei Professor Umbridge mit einer Unzahl „vollkommen ungefährlicher und vom Ministerium empfohlener“ Theoriestunden samt Abschreiben des Lehrbuchs?) und es wohl auch durchaus Leute gibt, die schonmal mit Explosivstoffen umgehen müssen, ohne deshalb Terroristen zu sein, kommen mir bei dieser Art der Gesetzgebung zwei sehr wichtige Dinge zu kurz.
Das erste davon ist das Konzept, dass Wissen als solches einen Wert darstellt, den unsere Gesellschaft in Ehren halten sollte. Kann man jemals genug, oder zuviel wissen? Ich persönlich war nie dieser Ansicht. Nur wer ständig dazulernt kann sich weiterentwickeln und sein Potential bestmöglich nutzen. Dazu gehört es auch, sich ab und zu etwas „fragwürdige“ Quellen anzusehen. Einfach um zu wissen was es gibt, und wie die „andere Seite“ einer Argumentation aussieht. Oder auch, wie im Beispiel der „Hackertools“, um zu wissen, wogegen man kämpft. Das heißt ja noch lange nicht, dass man alles, was einem so begegnet, kritiklos hinnehmen muss.

Und damit kommen wir schon zum zweiten wichtigen Punkt: Der Eigenverantwortung. Warum überlässt man den Leuten nicht selbst, womit sie sich beschäftigen und wie sie damit dann umgehen wollen? Sind wir wirklich so unmündig? Brauchen wir jemanden, der uns vorschreibt, womit wir uns befassen dürfen und was „zu gefährlich“ für uns ist? Das sollte doch eigentlich nur bei Kindern der Fall sein, die wiederum ihre Eltern haben, die dafür verantwortlich sind, auf sie aufzupassen. Erwachsene dagegen sollten Entscheidungsfreiheit haben und mit dieser verantwortlich umgehen. Okay, man könnte jetzt fragen: Was will man von einer Gesellschaft erwarten, die selbst MS Windows für „zu gefährlich“ hält, weil es vor dem Löschen einer Datei nur zwei mal nachfragt, die „Caution hot content“ auf Kaffeebecher schreibt und „Anwesenheitspflicht“ an Hochschulen einführt? Und sicher läge man mit dieser Frage nicht ganz falsch. Es gibt hier eine verstärkte Mentalität von Unselbständigkeit und Risikovermeidung, die sich schon in den kleinen Dingen äußert. Aber wenigstens bei so wichtigen Themen wie unserer Gesetzgebung sollten wir in der Lage sein, das zu überwinden.

Nur „mein Kampf“ gelesen zu haben macht niemanden zum Nazi. Hackertools zu besitzen und sie vielleicht in einer VM oder auf „Trainingsseiten“ getestet zu haben macht niemanden zum Cyberkriminellen. Das Wissen darum, wie man eine Bombe baut, macht niemanden zum Terroristen, der Unschuldige an Bushaltestellen hochsprengt. Wissen allein ist weder gut noch böse. Es versetzt uns nur in die Lage, informiert und mit etwas mehr Grundlagen unsere Entscheidungen zu treffen. Denn letzten Endes liegt es bei uns, was wir mit dem Wissen anfangen. Es ist unsere ganz eigene Entscheidung, die uns niemand abnehmen kann oder darf. Es kommt darauf an, wie man handelt, nicht was man weiß oder denkt. Dafür kann man niemanden verurteilen. Die Gedanken sind frei und das müssen sie auch bleiben.

Bestraft darf nur werden, wer sein Wissen missbraucht und damit seiner Verantwortung gegenüber der Gesellschaft nicht gerecht wird. Eine Gesellschaft, in der man solche Entscheidungen nicht zu treffen lernt, wird früher oder später ein ernsthaftes Problem bekommen.

Denn wie geht es weiter? Wo ist die Grenze? Schließlich ist jedes Wissen potentiell gefährlich? Was kommt nach Hackertools und Bomben? An den Schulen gleich den Chemie-, Physik- und Informatikunterricht verbieten? Es erscheint doch in diesem Kontext wie die logische Schlussfolgerung. Damit wären wir dann auf dem besten Weg, uninformiert und ignorant genug zu sein, um uns gewisse Exzesse widerspruchslos gefallen zu lassen…

Und jetzt nochmal schön zusammen, damit wir es auch nicht vergessen:

Krieg ist Frieden

Freiheit ist Sklaverei

Ignoranz ist Stärke

(alles im Rahmen des Kampfes gegen den Terror)

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3 Kommentare leave one →
  1. 20. März 2010 12:21 pm

    Ich kann die Motivation, diesen Beitrag zu schreiben, gut nachvollziehen. Das ist auf jeden Fall einigen schon so gegangen.

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